Spitz­bergen

4. April 2024

Ha, ich hab mich im Rucksack versteckt und Laura hat nichts gemerkt! Als sie ihre Schuhe angezogen hat, bin ich blitzschnell rein geschlüpft. Ich war mucksmäuschenstill, also eigentlich mucksrättchenstill. Sie war viel zu beschäftigt mit ihrem ganzen Gerassel, um mich zu bemerken. Dann war ich auf dem Weg nach Spitzbergen. Ich wusste vorher nicht so richtig, wo das ist, darum hab ich im Atlas nachgeschaut. Ich musste ganz schön lange suchen, weil das so weit im Norden ist. So weit im Norden schaut man ja normalerweise gar nicht hin. Spitzbergen ist von meinem Zuhause in Norddeutschland so weit nach Norden weg, wie die Wüste Sahara nach Süden weg ist, ungefähr 2800 km. So weit nördlich ist es bestimmt ziemlich kalt. Da hab ich mal lieber meine Mütze und meinen Schal eingepackt. Das war gerade der richtige Ort, um nach einer kälteliebenden Wetterratte zu suchen.

Beim Zwischenstopp in Oslo bin ich dann aufgeflogen. Am Schwanz hat Laura mich rücksichtslos aus ihrem Rucksack gezogen und dabei geschimpft wie ein Rohrspatz: was mir einfällt, mich in ihren Sachen zu verstecken, ob ich denn gar kein Benehmen hätte, bla, bla, bla…

„Was willst du überhaupt auf Spitzbergen?“, fragte sie schließlich.

„Na, ich will nachsehen, ob es dort vielleicht eine andere Wetterratte gibt.“, hab ich geantwortet. „Außerdem will ich fliegen, ist doch klar! Fliegen wie eine Fledermaus - das war schon immer mein Traum!“

„Ich dachte, du magst keine Mäuse?“

„Bist du doof? Mäuse sind ekelhaft, aber Fledermäuse sind doch was ganz anderes. Sie sind grazil, schnell, lautlos,… wahre Künstler der Lüfte. Außerdem sind sie nicht mal mit Mäusen verwandt.“

„Nein, dafür mit Igeln und Maulwürfen. Ist das besser?“

„Ja, schon. Maulwürfe sind zwar ein bisschen dumm, aber nicht eklig und wuselig. Und sie fiepen nicht so erbärmlich wie Mäuse.“

Zum Glück war Laura so müde, dass sie keine Lust hatte, noch länger mit mir zu streiten. Bevor sie eingeschlafen ist, hat sie mir noch zugeflüstert: „Du weißt schon, dass Tiere im Forschungsflugzeug verboten sind?“

Das werden wir ja sehen…

5. April 2024

Auf dem zweiten Teil der Reise von Oslo nach Spitzbergen musste ich mich wieder in Lauras Rucksack verstecken.

„Es darf dich keiner sehen!“, sagte sie mir zum ungefähr zwanzigsten Mal.

„Ja, ja, ist schon gut.“

„Ich mein’s ernst. Ich bin erst seit drei Monaten am Alfred-Wegener-Institut und das ist meine erste Flugkampagne. Wenn du auffliegst, schmeißen die mich doch gleich wieder raus!“

„Ich behaupte einfach, ich kenne dich gar nicht.“, schlug ich vor.

„Nachdem du aus meinem Rucksack geklettert bist?“

„Jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen! Keiner traut dir zu, dass du cool genug bist, um mit einer Wetterratte zu reisen. Wenn mich jemand entdeckt, behaupte ich einfach, ich hab in der Kiste mit Eintopfdosen und Würsten abgehangen und bin nicht rechtzeitig ausgestiegen, als die ins Polarflugzeug befördert wurde. Aber ich hatte keinen Dosenöffner dabei, darum musste ich mir was anderes suchen und hab mich zwischen deinem ganzen Krempel versteckt. Da war schließlich genug Platz. Das ist doch alles total logisch und du hast damit gar nichts zu tun.“

„Was genau meinst du denn mit meinem ganzen Krempel?“

„Na, diese Unmengen an Zeug, die du dabei hast.“

„Ich hab überhaupt keine Unmengen an Zeug dabei! Und außerdem kannst du nur mit so leichtem Gepäck reisen, weil du von mir alles andere schnorrst: Zahnpasta, Seife, Socken, Lippenbalsam, Handcreme,…“

„Schon gut!“, vielleicht hatte sie ein bisschen recht. Dabei hat sie in ihrer nervigen Aufzählung noch nicht mal die Schokolade erwähnt.

6. April 2024

Das ist sie: die Polar 6. Sie ist eine Polarforschungsfledermaus und gehört dem Alfred-Wegener-Institut, wo Laura arbeitet. Laura hat mir erzählt, dass sie schon eine richtige Oma ist. Sie wurde 1941 gebaut und dieser Flugzeugtyp heißt DC3. Das ist sowas wie ein Airbus A380, nur in alt und winzig. 

„Warum hat sie denn diesen Stachel an der Schnauze? Sie ist doch keine Biene.“, hab ich Laura gefragt.

„Sie ist ein Forschungsflugzeug und wurde dafür extra umgebaut. Der Stachel heißt eigentlich Nasenmast und mit ihm kann man die Luftbewegung messen, bevor das Flugzeug durchfliegt und alles durcheinander wirbelt.“, antwortete sie.

Insgesamt waren etwa fünfzehn Leute auf Spitzbergen dabei. Die Polar 6 hatte außerdem einen richtigen Piloten, einen Co-Piloten und einen Mechaniker und die wissen, wie man so eine Fledermaus fliegt. Zum Glück steuern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht selber. Sonst würde ich da lieber nicht mitfliegen wollen.

Jetzt brauchte ich nur noch einen Plan, wie ich unbemerkt ins Flugzeug kam…

7. April 2024

Am Ende war es gar nicht schwer, mich ins Flugzeug zu schleichen. Vor dem Abflug herrschte das reinste Chaos. Die Menschen zogen sich zum Fliegen lustige rot-schwarze Anzüge an. Die waren so eine Mischung aus Regenjacke und Taucheranzug und sahen sehr witzig aus. Bis die sich da reingezwängt hatten, brauchte es schon eine Weile. Dann mussten noch die Planen von den Messgeräten herunter genommen werden, an manche Stellen wurde noch was eingesetzt und weil es das erste Mal heute war, ging es zu wie im Hühnerstall. Genügend Zeit also, dass ich mich in aller Ruhe ganz hinten zwischen den Seesäcken verstecken konnte, in denen sich Ausrüstung befindet für den Fall, dass man auf dem Eis notlanden muss.

Nach dem Abflug wurde es mir allerdings sehr kalt in meinem Versteck. Die Polar 6 ist wirklich ein winziges Flugzeug. Es passen nur neun Leute rein, inklusive Pilot und Co-Pilot. Es gibt nicht mal ein Klo. Und keine Heizung. Vorne im Flugzeug, wo die Motoren sind, wird es schon warm, sogar sehr - aber bis die warme Luft hinten ankommt, ist sie schon abgekühlt. Ich hab zwischen meinen Seesäcken gezittert wie ein Weberknecht, wenn man ihn ärgert. Irgendwann hab ich es nicht mehr ausgehalten und bin vor zu Laura geschlichen. Ich schwöre, es hat mich niemand gesehen. Laura ist fast von ihrem Sitz gekippt vor Schreck. Das war ziemlich lustig. Sie konnte ja nicht mal schimpfen, sonst hätten mich die anderen bemerkt.

Ich hab es mir auf ihrem Sitz gemütlich gemacht und aus dem Fenster gesehen, während sie angestrengt auf irgendeinen grauen Kasten gestarrt und so getan hat, also würde sie mich nicht bemerken. Als wir über offenes Wasser geflogen sind, war plötzlich alles voller Dampfschwaden.

„He Laura, schau mal, das Meer dampft!“, flüsterte ich.

Laura warf einen Blick aus dem Fenster und meinte trocken: „Ja, weil es heute so kalt ist, kocht das Meer. Das nennt man Seerauch.“

Hä, weil es kalt ist, kocht das Wasser? Die wollte mich wohl auf den Arm nehmen!

Am Ende hat sie es mir doch noch erklärt: Seerauch entsteht, wenn es sehr kalt ist. Es ist eine spezielle Art Nebel. Weil das Wasser viel wärmer ist als die Luft, verdunstet es, aber die kalte Luft nahe am Wasser kann so viel Flüssigkeit nicht aufnehmen. Darum entstehen kleine Nebeltröpfchen. Das ist ähnlich, wie wenn man im Winter seinen eigenen Atem als kleine Wölkchen sieht. Das Meer atmet sozusagen in die kalte Luft hinein. Weiter oben verdunsten die Tröpfchen dann wieder und so entstehen diese lustigen Rauchfahnen.

9. April 2024

Es war voll schlechtes Wetter. Vor lauter Wolken sah man gar nichts und es schneite schon den ganzen Tag in dicken Flocken. Mein Schwanz kitzelte schon den ganzen Morgen, wie er es immer bei Schneefall tut. Es brauchte keinen Wetterfrosch (und auch keine Wetterratte), um zu erkennen, dass nicht geflogen werden konnte. Die Abfahrt zum Flughafen wurde etwas nach hinten verschoben und Laura, die langweilige Siebenschläferin, drehte sich in ihrem Bett nochmal um.

Schließlich am Flughafen angekommen, trafen sich alle, um festzustellen, dass es nichts festzustellen gab. Es konnte eben nicht geflogen werden. Zu tun gab es anscheinend trotzdem genug und ein weiteres Treffen für 13 Uhr wurde direkt auch angesetzt. Bis dahin gingen alle ihrer Arbeit nach.

Einige verschwanden zum Flugzeug oder wechselten Filter, andere entwarfen Flugpläne, Laura verschanzte sich hinter ihrem Bildschirm - und ich? Ich baute auf dem Rollfeld eine Schneeratte.

Dabei passierte, was nicht hätte passieren sollen: Ich wurde entdeckt und zwar von Frank. Auf dem Rückweg vom Flugzeug zum Hangar bemerkte er erst meine Schneeratte und im nächsten Moment mich.

„Ich fass es nicht - eine Ratte, die eine Ratte baut!“, rief er aus.

„Was genau ist denn daran nicht zu fassen?“, fragte ich nach, was ihn noch weiter zu beeindrucken schien.

„Und jetzt spricht sie auch noch… Ich glaub, ich werd verrückt!“

„Natürlich spreche ich. Ich bin schließlich eine Wetterratte, keine langweilige Hausratte.“

„Und was tust du hier?“, wollte Frank wissen.

Jetzt war Vorsicht geboten! „Och, nichts Besonderes. Ich beobachte das Wetter, denn ich bin ja eine Wetterratte. Ich baue Schneeratten. Ich schaue euch beim Fliegen zu und frage mich, was ihr hier tut. Ich würde ja so gern auch mal fliegen…“

„Du bist ja wirklich ein putziges Tierchen. Komm doch mit rein, wir haben gleich eine Besprechung. Vielleicht findet sich ja im Flugzeug noch ein Platz für dich.“, lud mich Frank ein.

So kam es, dass ich um 13 Uhr ganz offiziell an der Besprechung teilnahm. Frank stellte mich einfach der Gruppe vor, die bei meinem Anblick Bauklötze staunte. Laura sah allerdings aus, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.

„Schaut mal, wen ich auf dem Rollfeld gefunden habe. Eine Wetterratte, die sprechen kann. Sie möchte gern wissen, was wir hier machen. Wir haben doch noch Platz im Team, oder?“, erklärte Frank.

„Hallo, ich bin Jette!“, stellte ich mich vor.

„Du bist aber keine norwegische Ratte, oder?“, fragte jemand.

„Sie wohnt im Alfred-Wegener-Institut.“, schaltete sich nun Laura ein. „Bei uns im Institut im Keller. Ich habe sie dort schon einmal gesehen. Sicher hat sie sich in die Fracht geschlichen. Sie kann nachher mit zu mir kommen.“

Damit war das anscheinend geregelt und ich setzte mich neben Laura auf den Konferenztisch.

„Lief doch ganz gut.“, flüsterte ich ihr zu.

„Glück für dich. Sonst hättest du zusehen können, wie du wieder nach hause kommst. Und jetzt sei leise.“, flüsterte sie bissig zurück. Aber sie lächelte dabei erleichtert, also tat sie saurer als sie war.

Nun wurden die Flugpläne diskutiert. Das machte die ganze Gruppe jeden Tag mit großer Begeisterung. Sollte man lieber ein bisschen höher oder tiefer oder weiter links oder rechts fliegen, im Zickzack oder doch geradeaus? Stundenlang stritten sie sich über die Details. Verrückte Leute, diese Wissenschaftler:innen…

Am Samstag stand ein besonderer Flug an, der eine Extraportion Planung brauchte: Es sollte nach Grönland gehen. Es entbrannte eine heftige Diskussion, an welcher Nase von Grönland die Station Nord lag, wo man hinfliegen wollte. War es diese große, lange Hakennase oder eher diese Knollennase weiter im Osten? Ah nein, es war der dicke Zinken weiter westlich…

Grönland - Zuhause der Grönlandwale und Eisbären, der grönländischen Marienkäfer, Polarfüchse und vielleicht des Weihnachtsmanns, wer weiß. Aber viel wichtiger: In Grönland war es kalt und alles war voller Gletscher. Der perfekte Wohnort für die andere, kälteliebende Wetterratte. Da musste ich mit!

10. April 2024

Heute war das Wetter wieder gut, sodass geflogen werden konnte. Die Vorbereitungen waren schon weniger hektisch als beim ersten Flug, außer dass Laura ihre Polarschuhe suchte. Typisch. Naja, irgendwann hat sie welche gefunden. Ob das wirklich ihre waren, da war sie sich nicht ganz sicher, aber bei Schuhen gilt ja bekanntlich ‚lieber zu groß als zu klein‘.

Laura war noch sauer, weil ich mich nicht ordentlich versteckt hatte und hat mich hundsgemein vor dem Abflug in ihren Rucksack eingesperrt. Bis ich mich daraus befreit hatte, waren die Türen der Polar 6 schon zu, da war nichts mehr zu machen.

Aber der Polarfledermaus beim Fliegen zuzuschauen war auch ganz lustig. Sie flog super tief über das Eis. Wahrscheinlich war sie auf der Jagd. Dafür muss man schon mal nah am Boden fliegen, sonst fängt man ja nichts.

Als Laura vom Flug zurück war, hab ich sie danach gefragt: „Du Laura, was jagt die Polar 6 denn, wenn sie so tief fliegt?“

„Die jagt nicht, die misst. Sie ist doch ein Forschungsflugzeug und kein Jagdflugzeug.“, hat sie erklärt.

„Und was misst die dann so?"

„Wir wollen die atmosphärische Grenzschicht besser verstehen. Das ist der allerunterste Teil der Atmosphäre, wo die Luft quasi den Boden berührt. Diese Grenzschicht ist nur etwa 100 Meter dick. In diesem Bereich hat der Boden direkte Auswirkungen auf die Luft. Beispielsweise gibt es Reibung. An der rauen Oberfläche bleibt die Luft hängen. Uns geht das ja genauso, wir rutschen auch nicht ungebremst auf dem Boden rum. Die Luft wird dadurch einerseits langsamer, andererseits wird sie durcheinander gewirbelt. Das nennt man Turbulenz und genau die kann man mit der Polar 6 richtig gut messen.“

„Die Polar 6 misst also, wie die Luft die Erde kitzelt?“, fragte ich nach.

„Ja, das kannst du so sagen. Außerdem interessieren wir uns für Aerosole.“, erzählte sie weiter.

„Man könnte sagen, das ist der Dreck in der Luft, der von der Erdoberfläche in höhere Luftschichten aufgewirbelt wird. Dazu gehört Staub, Pollen, Ruß, Abgase, aber beispielsweise auch Seesalz. Diese Teilchen können sehr verschieden groß sein und sie sind sehr wichtig für die Entstehung von Wolken. Das Wasser braucht nämlich Treffpunkte, an denen es von Wasserdampf zu Wassertropfen werden kann. Man nennt das Kondensationskeime. Je mehr solcher Teilchen in der Luft sind, desto mehr Gelegenheit gibt es für Tropfenbildung und damit für Wolkenentstehung.“

„Also messt ihr, wie dreckig die Luft ist?“

„Genau. Allerdings gibt es in der Arktis gar nicht so viel Dreck in der Luft. Es ist ja hier alles voller Eis und es gibt kaum Autos, Schiffe oder Flugzeuge. Zu dieser Jahreszeit wachsen auch keine Pflanzen. Was es allerdings schon gibt, ist Salz, das aus dem Meerwasser kommt. Wir wollen herausfinden, wie und wo Teilchen in die Atmosphäre gelangen und wie sich dann Wolken bilden. Dafür haben wir jede Menge verschiedener Messgeräte an Bord. Gerade ist niemand am Flugzeug. Willst du sie mal sehen?“

„Na klar!“, meinte ich begeistert. Manchmal ist Laura doch keine spaßbremsende Wühlmaus.

13. April 2024

Heute war der Tag des Grönlandflugs. Zwar hatten sich die Wissenschaftler:innen mit meiner Anwesenheit abgefunden, aber der Pilot durfte mich nicht entdecken. Er hielt nämlich gar nichts von Tieren an Bord, das hatte er unmissverständlich klar gestellt. Ein bisschen kleinkariert, der Herr. Man muss zwischen verschiedenen Tieren schon differenzieren.

Diesmal hatte ich mich nicht zwischen den Taschen versteckt, sondern in Lauras Seesack. Dort drin befand sich ein sehr warm gefütterter, roter Ganzkörperoverall, in dem ich es mir gemütlich machte. Also genau genommen habe ich den linken Ärmel bezogen. Auf diese Weise war es warm genug, um es eine Weile auszuhalten, während wir über das Meereis Richtung Westen flogen.

Aus meinem Versteck bin ich erst gekommen, als wir bei einer kleinen, dänischen Militärbasis, der Station Nord, zum Tanken Halt gemacht haben. Sonst wäre der Polar 6 nämlich bald das Futter, also der Sprit, ausgegangen.

Als ich gerade aussteigen wollte, hat mich dummerweise Laura erwischt. Sie packte mich eiskalt am Schlafittchen und versteckte mich hinter ihrem Rücken. Sobald alle anderen ausgestiegen waren, um sich die Füße zu vertreten, hat sie mich schnurstracks zurück ins Flugzeug befördert.

„Und wo genau wolltest du gerade hin, Jette?“, zischte sie mir zu.

„Na, ich möchte nach er anderen Wetterratte suchen. Vielleicht wohnt die ja hier“, hab ich geantwortet.

„Hier? Auf Station Nord? Das glaubst du ja wohl selber nicht. Hast du mal raus geschaut?“

Hatte ich tatsächlich noch nicht. Ich saß ja die ganze Zeit im Overallärmel herum. Also riskierte ich einen Blick aus dem Fenster. Puh, war das ungemütlich. Alles absolut weiß. Es gab zwar ein paar Häuschen, aber ohne Keller oder Kanalisation. Nach einer florierenden Rattenpopulation sah es in der Tat nicht aus.

„Außer Schlittenhunde gibt es hier keine Haustiere.“, grummelte Laura.

„Aber hier ist alles voller Eis. Der perfekte Wohnort für eine Polarwetterratte.“, versicherte ich ihr.

„Grönland ist die größte Insel der Welt und es gibt überall Gletscher. Sie wird wohl nicht gerade in der nördlichsten, kältesten und eisbärreichsten Ecke wohnen.“

Ich musste zugeben, dass es nicht ausgeschlossen war, dass sie damit recht hatte.

„Überhaupt: Ratten gehören nicht nach Grönland. Sie sind hier nur eingeschleppt. Ihr gefährdet die einheimischen Arten.“, fuhr Laura oberlehrerhaft fort.

„Pah! Du als Mensch brauchst mir gar nichts über invasive Arten erzählen. Ihr habt euch ja wohl überall wie Ungeziefer ausgebreitet. Jedes noch so kleine Stückchen Land habt ihr eingenommen. Ihr seid auch nicht in Afrika geblieben, wo ihr ursprünglich herkommt.“

Bevor wir weiter streiten konnten, stiegen die anderen wieder ein. Ich schaffte es nicht einmal zurück in mein Versteck. Darum blieb ich unter einem grauen Kasten sitzen, der SP2 genannt wird und mit einem LASER auf kleine Teilchen schießt. Hier war es auch gemütlich warm und weil das Gerät eine kleine Diva ist und schnell mal friert, hatte es sogar eine Decke, in die ich mich kuschelte.

Nachdem alle wieder saßen und die Fledermaus abgehoben hatte, riskierte ich einen Blick aus dem Fenster. Wir flogen geradewegs auf den Nordpol zu. Der liegt mitten im Meer, aber durch die Kälte ist es natürlich zugefroren. Wir flogen über riesige Eisschollen. Alles war ganz flach, manchmal türmte sich das Eis zwar ein bisschen auf, aber nicht allzu hoch. An manchen Stellen war das Eis aufgerissen, sodass das Meer mal herausschauen konnte. Das will ja schließlich auch einmal die Aussicht genießen. Das sah dann aus wie schwarze Flüsse und Seen im Eis.

„Wenn das ein größeres Gebilde ist und eine Weile bleibt, nennt man das Polynja.“, erklärte mir Laura ungefragt.

Bei 85˚N drehten wir um und tankten nochmal auf Station Nord. Diesmal bin ich gleich drin geblieben. Ich hatte Angst, dass sie mich sonst hier zurück lassen würden. Und wenn diese andere Wetterratte einigermaßen bei Trost ist, wohnte sie bestimmt nicht zwischen Hundeschlitten und Eisbären inmitten einer ungemütlichen Eiswüste.

Auf dem Rückweg konnte man plötzlich einen kreisförmigen Regenbogen zwischen den Propeller­flügeln erkennen.

„Schau mal, eine Glorie!“, rief Laura gegen den Flugzeuglärm.

Ich wollte schon antworten, dass sie nicht so zu schreien braucht, schließlich habe ich ein sehr feines Rattengehör, da bemerkte ich, dass sie gar nicht nur mit mir gesprochen hatte, sondern auch mit ihrem Kollegen Jonas.

„Daran kann man erkennen, dass es sich um Wolken aus Wasser und nicht aus Eis handelt.“, erklärte er. „Denn wie beim normalen Regenbogen wird das Licht der Sonne, die wir im Rücken haben, an kleinen Wassertröpfchen gebrochen und reflektiert. So wird es wie bei einem Prisma in die einzelnen Farbkomponenten aufgespaltet und wir können die verschiedenen Farben sehen. Aber das geht nur mit Wassertropfen und nicht mit Eiskristallen.“

Verrückt! Draußen hatte es -13°C und trotzdem war das Wasser kein Eis? Hatte es nicht aufgepasst, dass es schon längst Zeit zum Gefrieren war? Stellt euch mal vor, das würde das Schokoeis im Sommer an der Eisdiele auch so machen. Das wäre ja eine Frechheit!

14. April 2024

„Jettchen!“, hörte ich Laura am Nachmittag irgendwann rufen. Obacht! Wenn sie mich so nennt, ist höchste Vorsicht geboten. Entweder, sie will etwas von mir oder sie hat bemerkt, dass ich gestern Abend ihre Schokoladenvorräte aufgegessen hab, während sie mit ihren Kolleg:innen was trinken war. Was erwartet sie denn? Ich bin nun mal eine Ratte. Ich liebe Schokolade. Und Käse. Und Speck. Nur kein Lakritz. Lakritz ist das allerekelhafteste überhaupt. Schlimmer sind nur diese weißen Gummi-Mäuse. Bäh! Leider kauft Laura hier auf Spitzbergen dauernd Lakritz ein und hat es immer dabei.

Ich ging also nachschauen und fand Laura am offenen sogenannten T-Bird. Das T steht für Turbulenz und Bird heißt Vogel auf englisch. Der T-Bird sieht aus wie eine große Zigarre und hängt unter dem Flugzeug an einem Seil. Nach dem Start kann man ihn bis zu 70 m unter das Flugzeug hängen. Das hatte ich schon beobachtet.

„Warum hängt ihr eigentlich so ein komisches Teil an das Flugzeug? Das ist doch total schlecht für die Flugeigenschaften. Eine Fledermaus zum Beispiel hängt sich doch auch keine Wurm als Kette um und fliegt mit der rum.“, wollte ich wissen.

„Eine Fledermaus will ja auch keine Forschung machen, sondern nur Insekten fangen.“, meinte Laura

„Jetzt weiß ich’s! Das ist ein Köder am Angelhaken!" , vermutete ich.

„Quatsch! Das wäre wirklich ein sehr teurer Köder und ein sehr gefährliches Angeln. Wir haben hier drin die gleichen Messgeräte wie im Flugzeug. Wenn wir jetzt den T-Bird runter lassen, können wir auf zwei verschiedenen Höhen messen. Erinnerst du dich an die Grenzschicht, von der ich dir erzählt habe?“

„Klar, das ist da, wo das Land die Luft kitzelt.“

„Genau. Wir können zum Beispiel gleichzeitig mit dem T-Bird in der Grenzschicht und mit dem Flugzeug oberhalb der Grenzschicht messen und dann beide Messungen vergleichen. Da würde deine Fledermaus staunen.“

„Das wage ich zu bezweifeln. Was wolltest du eigentlich von mir? Wenn nichts ist, würde ich nämlich wieder rein gehen. Selbst mit einem warmen Rattenpelz ist es doch ziemlich frisch heute bei -16 Grad.“

„Warte! Ich habe die Filter gewechselt. Schau mal, mir ist da ein Schräubchen rein gefallen. Kannst du das bitte für mich heraus fischen mit deinen kleinen Pfötchen?“, antwortete sie.

Frechheit! „Kleine Pfötchen? Was soll das denn heißen? Ich bin doch keine ekelhafte Maus mit kleinen Pfötchen! Ich habe ausgewachsene Pfoten mit hübschen, gut gepflegten Krallen.“, stellte ich klar.

„Dann eben mit deinen Pfoten. Kleiner als meine Hände sind sie allemal.“, korrigierte sie sich.

Nun gut, ich bin ja kein Untier. Bin ich halt in den Wurm rein gekrochen. Selbst für mich war es recht eng und ich war froh, als ich die ausgebüxte Schraube erwischt hatte und wieder draußen war. Das ist kein Ort für Wetterratten. Schließlich hat Laura alles wieder festgeschraubt.

„Nächstes Mal besser aufpassen.“, konnte ich mir nicht verkneifen, zu sagen.

„Mmh“, brummte Laura. Dann allerdings kniff sie die Augen zusammen und fragte: „Sag mal, Jette, hast du gestern eigentlich meine ganze Schokolade aufgegessen?“

„Ich? Was? Nein, das kann ja gar nicht sein… Das war bestimmt jemand anderes. Außerdem, was heißt hier deine Schokolade? Es ist doch wohl unsere Schokolade.“, konterte ich.

„Wer hat sie denn bezahlt?“, widersprach sie.

„Vielleicht habe ich ein kleines Stückchen gekostet.“, gab ich zu.

„Ein kleines Stückchen? Es ist überhaupt nichts mehr da!“, sagte sie übertrieben empört. Wegen so ein bisschen Schokolade so ein Aufstand…

„Ja gut, vielleicht war es auch ein größeres Stückchen. Diese Kälte macht nun mal hungrig…“

Laura zuckte resigniert mit den Schultern. „Was soll’s. Komm, wir fahren in die Unterkunft und halten unterwegs am Supermarkt an um neue Schoki zu kaufen.“

18. April 2024

Heute haben wir einen Ausflug unternommen. Ich musste nicht mal betteln, um mitzudürfen. Wenn man statt mit der Polarfledermaus mit einem Polarpferd, ich glaub, die Menschen nennen es Motorschlitten, reitet, ist Laura anscheinend nicht so pingelig. Wir haben uns eine Eishöhle angeschaut. Das ist eine Höhle in einem Gletscher. Das Eis ist witzig blau-türkis- braun-weiß gestreift und manchmal sind da ganz lange Luftbläschen drin.

„Das liegt daran, dass der Gletscher nicht einfach nur hier rum liegt, sondern nach und nach den Berg runter fließt.“, meinte Laura.

„Hä, aber das Eis ist doch super hart, wie soll das denn fließen?“

„Ja, das Eis ist einerseits schon hart, aber wenn sehr viel Eis auf einem Haufen ist und darum unter Druck gerät, wie bei einem Gletscher, dann verhält es sich eher wie eine sehr zähe Flüssigkeit.“

„Ein Gletscher ist also quasi ein riesiger Sirupklecks?“

„Kannst ja mal probieren, ob er auch so schmeckt.“, schlug Laura schelmisch vor.

Ich hab es probiert. Er schmeckt nicht. Dann doch lieber ein Becher Zuckerrübensirup als so ein Monsterwassereis.

Auf dem Rückweg konnten wir noch eine kleine Herde Spitzbergen-Rentiere beobachten. Die gibt es nur hier auf Spitzbergen. Sie sind besonders klein und flauschig. Ich finde, sie haben etwas schafiges an sich und man möchte sie am liebsten gleich knuddeln.

20. April 2024

Gestern mussten wir heim fliegen. Ich wäre gern geblieben und noch öfter mit der Fledermaus geflogen, aber Laura hat so lang rumgenörgelt, dass ich mit ihr nach Hause kommen soll, bis ich nachgegeben habe. Ich glaube, sie hatte tatsächlich ein bisschen Angst um mich. Sie hatte Sorge, dass mich niemand mit heim nehmen würde, wenn sie es nicht tat. Man könnte fast meinen, sie mag mich. Und das, obwohl sie ein Mensch ist und ich eine Wetterratte…

Aus der Winterwelt sind wir im Frühling gelandet, der uns allerdings mit 10°C und Nieselregen begrüßte. Gerade das richtige Wetter für eine heiße Schokolade mit Schokolade. Wobei: Eigentlich ist jedes Wetter das richtige Wetter für heiße Schokolade mit Schokolade…