Jette fährt Polarstern

Reiseroute

Tag 1 (München)

„Langweilig!“, sagte ich. Ich sagte das übrigens nicht zum ersten Mal.

„Ich kann doch auch nichts daran ändern, dass wir hier in München festsitzen. Ich wäre auch lieber heute schon auf die Falklandinseln geflogen, aber Wetter ist halt Wetter. Über den Inseln ist ein fetter Sturm unterwegs, sodass wir dort nicht landen könnten. Also hör auf zu nölen.“, knurrte Laura zurück. Übrigens sagte auch sie das nicht zum ersten Mal.

Seit gestern Abend saßen wir im Hotel am Münchner Flughafen fest und es passierte genau gar nichts. Laura arbeitete ein bisschen an ihrem Laptop. Langweilig! Dann machte sie einen Mittagsschlaf. Laangweilig! Sie kochte einen Tee und spritze Milch durch das Hotelzimmer. Das war kurz nicht langweilig, sondern lustig. Dann arbeitete sie wieder. Laaangweilig! Immerhin ließ sie sich dazu überreden, mal den riesigen Fernseher im Hotelzimmer anzumachen und die Sendung mit der Maus anzuschauen. Das war doch mal eine wirkliche Abwechslung. Doch leider viel zu schnell vorbei. Dann telefonierte sie. Laaaangweilig! Und am Ende ging sie super früh ins Bett. Laaaaangweilig! Was für ein öder Tag.

Tag 2 (von München auf die Falklandinseln, Südamerika)

Na endlich! Früh um vier kramte Laura verschlafen ihre Sachen im Hotelzimmer zusammen und dann ging’s zum Flughafen. Die Polarsternbesatzung rotierte komplett. So nennt man das, wenn sie abgelöst wird. So trafen wir zum ersten mal auf die Seeleute am Check-in-Schalter. Also Laura traf auf sie, ich musste mich nämlich mal wieder im Gepäck verstecken. 

„Immer noch kein Pass für Wetterratten.“, kommentierte das Laura schulterzuckend.

Sie sah sich unauffällig um und flüsterte mir zu: „Mit denen werden wir die nächsten Wochen unterwegs sein. Ich bin ja schon so gespannt!“

Ich versuchte, heimlich aus ihrem Rucksack zu linsen, doch der stand so ungeschickt, dass ich überhaupt nichts von den Seebären erkennen konnte. Wie gemein!

Nach Sicherheits- und Passkontrolle musste Laura noch irgendwelche Geräte beim Zoll anmelden. Ihre Fahrtleiterin Yvonne begleitete sie. Doch der Zoll hatte so früh am Morgen noch geschlossen. Neben der Tür hing ein altmodisches Telefon mit einer Bereitschaftsnummer, die Laura wählte. Daraufhin öffnete ein grummeliger Bayer die Tür.

Er hatte die Frühschicht, nicht die Nachtschicht und zuständig war er für solche Sachen eh nicht, brummte er. „Mia macha erst umma sechse auf.“

„Unser Boarding startet aber schon um fünf nach sechs…“, erklärte Laura. „Was soll ich denn da machen?"

Der Zollbeamte grummelte noch ein bisschen mehr. Bayrisches Brummeln und Grummeln, jetzt in die Telefonleitung: „Ja freili, i kann da halt nix macha, Kollege. Aber bei dena fangt’s im fünf nach sechs schon zum Board’n o. Joa, i geb da gleich d'Nummer durch, wart z'amm… Ja, die Flugnummer…“, so grummelten und brummelten sich er und sein Kollege am anderen Ende der Leitung eine Weile freundlich zu, dann war der Ausfuhrvermerk gesetzt.

Laura bat noch um den Stempel auf dem Formular. Das hatte ihr die Zollabteilung ihres Instituts so aufgetragen.

„Joa, i woaß da jetzted aa ned so genau, was für a Stempel da drauf muaß. I mach Ihna oifach an Tagesstempel drauf.“

Und dann hörte der bayrische Zollbeamte einfach auf zu grummeln und fing an zu plaudern. Gestern war Streik, da würde es heute ein hektischer Tag werden, guten Flug, wo geht’s denn hin…

Mit ihrer Beute zogen Laura und Yvonne ab, um sich zum Rest der Gruppe ans Gate zu gesellen. Yvonne, die aus Norddeutschland kam, wunderte sich: „Erst war er total unfreundlich und dann total nett.“

„Willkommen in Süddeutschland!“, meinte Laura schulterzuckend.

Während wir mit der Besatzung zusammen auf das Boarding warteten, nutzte ich die Tatsache, dass Laura ihren Rucksack unter die Sitze geschoben hatte und kletterte heraus, um ein bisschen frische Luft zu schnappen und einen Eindruck von meiner Reisegesellschaft zu gewinnen. Vorsichtig schlich ich von einer Deckung zur nächsten. Diese Leute sahen wirklich nach Seeleuten aus: bunt, wild, lustig, stark, cool!

Schließlich waren wir in der Luft. Laura holte erstmal noch ein bisschen Schlaf nach. Da das Flugzeug mit 110 Tonnen Treibstoff extrem vollgetankt war (der Tank fasst maximal 112 Tonnen), wurden die Passagiere für die ersten drei Stunden über die Economy Class verteilt. Jeder bekam einen Fensterplatz, sodass im kompletten hinteren Teil des Flugzeugs in jeder Reihe genau zwei Leute saßen. Das Flugzeug musste erst genügend Treibstoff verbrennen und entsprechend leichter werden, bevor sie auch weiter vorne sitzen durften. Sonst wäre das Flugzeug nicht in die Luft gekommen.

Doch auch auf ihrem ersten Platz in der Economy Class staunte Laura nicht schlecht. Tischdecken für’s Frühstück? Was geht? Und es wurde noch besser, denn als das Gewicht des Fliegers es endlich zuließ, durften alle in die erste Klasse und die Business Class umziehen. Laura hatte Platz 1G, ganz vorne, ganz erste Klasse, richtig gute Kopfhörer, einen in jegliche Richtung verstellbaren und sogar bequemen Sessel, Decke, Kissen, Zahnbürste, Schlafunterlegmatte, Beinfreiheit, Armfreiheit,… 

Die neue Sitzsituation brachte ihr allerdings auch eine Menge kniffliger Herausforderungen. Sie fühlte sich ein wenig wie ein Landkind in einer Großstadt: Wie geht denn der Tisch da aus der Lehne? Wie bedient man diesen Liegesesselstuhl? Wie kommt man mit der Fernbedienung klar? Und was ist eigentlich in diesen ganzen Taschen, die für sie bereit lagen? Lauter erstaunlich schwierige Probleme.

„Wir sind ja hier eine geschlossene Gesellschaft.“, erklärte der Kapitän. Und das birgt Möglichkeiten, die man normalerweise nicht hat. Der Höhepunkt davon war ein Besuch im Cockpit. „Nur nicht alle auf einmal, bitte!“, schob der Pilot hinterher. So viele Hebel, Knöpfe und Bildschirme und was für ein Blick auf Afrika! Die letzten Ausläufer des Atlasgebirges verschwanden gerade aus dem Blickfeld. Die Cockpitcrew war durchaus zum Plaudern aufgelegt, sodass es ein längerer Besuch wurde. Aber andere wollten ja auch noch hin und Laura kehrte an ihren Platz zurück und sah sich zwei Filme an. So tröpfelten die Stunden dahin, während wir ans andere Ende der Welt flogen.

Später durfte sie aber noch Cumulonimbus, das sind Gewitterwolken, von oben aus dem Cockpit bewundern und den Piloten dabei zusehen, wie sie im Slalom um die nach oben wachsenden Pilze herumflogen ähnlich einem verwirrten Falke auf Futtersuche. 

Die Falklandinseln sind eine kleine, britische Inselgruppe vor dem Südzipfel von Südamerika. Sie haben dort mehr Schafe als Einwohner:innen, sagt man. Ob sie wohl auch eine florierende Rattenpopulation haben? Mit etwas Glück haben sie keine Mäuse. Laura hat auf jeden Fall auf dem Einreiseformular bei der Frage gelogen, dass sie keine Tiere oder Tierprodukte im Gepäck hat. Aber wir hatten Glück und ihr Gepäck wurde nicht genauer kontrolliert, sodass auch ich auf die Insel einreiste.

Das wichtigste an den Falklandinseln war für uns, dass dort der Rieseneiswal auf uns wartete, der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern.

„Du immer mit deinen ewigen Tiermetaphern. Die Polarstern ist ein Schiff, kein Wal.“, korrigierte mich Laura neunmalklug, als wir sie zum ersten Mal zu Gesicht bekamen.

„Aber wenn sie ein Tier wäre, dann wäre sie eindeutig ein Rieseneiswal.“, meinte ich. Ihr Menschen immer mit euren ewigen Kategorien: Schiff, Flugzeug, Mensch, Tier, Pflanze, Maschine,… Am Ende seid ihr auch nur Tiere - und die Polarstern ist eine alte Rieseneiswaldame.

Sie ist der legendäre Forschungseisbrecher, schon über 40 Jahre alt, also fast schon altehrwürdig, mit dem wir in den nächsten viereinhalb Wochen zurück nach Bremerhaven schippern wollten. Was für ein Abenteuer! „Hallo, ihr Piraten und Seeräuber, alle mal aufgepasst und nehmt euch in Acht, denn hier kommt Jette, die Schiffsratte, Befahrerin der sieben Weltmeere, der Schreck aller Seeungeheuer!“

Tag 3 (Falklandinseln)

 Ratten und Schiffe gehören ja seit jeher zusammen, wie jeder weiß. Als es noch richtige Holzwale gab, war kaum einer von ihnen nicht von Ratten bewohnt. Jeder Schiffswal, der etwas auf sich hielt, beheimatete eine gepflegte Rattenpopulation.

Und seit heute hat auch die Polarstern endlich wieder eine Schiffsratte an Bord! Jette, die Seeräuberratte hat die Polarstern geentert! Ahoi!

Nachdem die Besatzung morgens vom Bus für die Übergabe abgeholt worden war, hatten die Wissenschaftler:innen erstmal noch ein paar Stunden frei. Sie nutzten das für einen Spaziergang durch Stanley, die größte Metropole der Falklandinseln mit 2538 Einwohner:innen. Von denen war aber überhaupt nichts zu sehen, sie schienen geradezu vom Erdboden verschluckt. Doch von wem wurden dann die ganzen Geländewagen gelenkt, die wild durch die Gegend heizten, durchaus aber für Fußgänger, Dorfkater und Wetterratten anhielten?

Mittagessen gab es noch im Hotel, dann wurden auch wir abgeholt und zum Hafen gefahren, von wo wir mit einem kleinen Boot zum großen Schiff gebracht wurden, das wir, wie es sich für Seeräuberratten gehört, über eine Strickleiter enterten. (Ehrlich gesagt hab ich mich einfach von Laura da hoch tragen lassen.)

Wir bezogen unsere Kammer auf dem C-Deck, dem dritten Deck von oben. Das ist gut, denn es ist nah bei der Messe, dem Speisesaal. Dort gibt es einen Kühlschrank, in dem es rund um die Uhr Käse gibt. Jetzt muss ich nur noch das Schokoladenlager auf dem Schiff finden.

Wie es sich für eine Wetterratte und eine Atmosphärenphysikerin gehört, bezogen wir auch die Bordwetterwarte. Mit Sicherheitseinweisung und Probealarm, Auspacken, Abendessen, Namen lernen und das Schiff erkunden verflogen die Abendstunden unbemerkt. Es wurde dunkel.

Plötzlich wurden die Schiffsbewegungen heftiger, irgendwas hatte sich geändert.

„Komm, wir gehen mal raus, nachschauen.“, meinte Laura.

„Bist du wahnsinnig? Vielleicht ist das ein Piratenangriff oder eine Pinguininvasion oder…“, vermutete ich.

„Eine Pinguininvasion?“, lachte Laura. „Meinst du, die kleinen Punkte am Strand auf der anderen Seite kommen jetzt alle hier angeschwommen und überfallen die Polarstern?“

„Ja, jetzt lachst du noch. Aber warte mal ab, wenn die Königs- und Eselspinguine gemeinsame Sache machen, dann nimmst du aber die Beine in die Hand.“, konterte ich.

„Willst du jetzt mitkommen oder nicht?“, fragte Laura.

Also ging ich halt mit. Sicherheitshalber steckte ich aber noch Lauras Bleistift ein. Der ist ordentlich spitz und sollte sich gut als Lanze eignen. Irgendjemand musste uns ja im Notfall verteidigen und ich bin kein wehrloses Mäuschen, sondern eine kreuzgefährliche Wetterratte!

Sicher werdet ihr jetzt genauso überrascht sein, wie ich es war, denn wie sich herausstellte, gab es doch keine Pinguininvasion. Nein, wir waren heimlich, still und leise los gefahren. Die Bugwelle und die kleiner werdenden Lichter der Falklandinseln verrieten es deutlich: Der Wal hatte sich in Bewegung gesetzt. Auf nach Norden!

Tag 4 (Nördlich der Falklandinseln)

Unser Tag begann aufregend, denn wir sollten unseren ersten Polarstern-Wetterballon steigen lassen. Dafür gingen wir zum Helideck. Das Helideck ist eine große Plattform, auf der Helikopter starten und landen können. Aber man kann von dort eben auch prima Ballons loslassen.

Ein Wetterballon ist eigentlich nichts weiter als ein großer Luftballon, an dem ein kleines Kästchen hängt, die Sonde. Die misst dann den Zustand der Luft, also zum Beispiel wie warm oder kalt es ist, während der Ballon sie höher und höher trägt, bis zu 33 km hoch.

33 km, das ist viel! Um diese Strecke zu laufen, bräuchte ein flüchtender Hase 25 Minuten, eine sprintende Ratte 3 Stunden und 18 Minuten, wenn sie rennt, und eine Schnecke 3 Jahre und 9 Monate.

Weil die Luft dort oben immer dünner wird, dehnt sich der Ballon immer weiter aus. Irgendwann ist er dann so groß, dass er mit einem „Päng“ platzt. Dann fällt die Sonde wieder runter bis sie mit einem „Platsch“ im Meer landet. Damit ist das traurige, aber kurze Sondenleben auch schon vorbei. Eine Sonde ist wie eine Eintagsfliege: Erst vegetiert sie in ihrem Alukokon vor sich hin, wartet auf den richtigen Moment zum Schlüpfen und dann ist ihr Lebenszweck nach einem einzigen Flug erfüllt. Ganz schön traurig.

Wir hatten ja gestern schon heimlich alles ausgecheckt, sodass wir heute direkt los legen konnten. Laura, die jetlagbedingt schon seit halb fünf wach war und entsprechend miesepetrig aus der Wäsche guckte (wir kennen sie ja alle), brauchte ewig, um den Ballon über den Heliumbefüllstöpsel zu basteln, dann drehte sie das Helium auf und - nichts passierte.

„Da kommt ja gar nichts raus!“, rief ich.

„Das seh ich auch.“, grummelte Laura, während sie die Ventile erneut zu und wieder aufdrehte. „Vielleicht ist das Ventil an den Gasflaschen zu.“

Wir gingen um die Ecke, wo das Helium stand.

„Och nö, da ist ja genau das Bündel angeschlossen, an das man am schlechtesten ran kommt. Hinten in der Mitte.“, murmelte Laura.

„Bündel? Was für ein Bündel? Ein Kleiderbündel oder ein Holzbündel oder ein Geldbündel oder ein Essensbündel,…“

„Bündel, so nennt man halt diese Gasflaschen in dem Gestell. Bestimmt ist da hinten das Ventil am Druckminderer zu. Mist, ich komm da nicht ran…“

„Weil du zu dick bist.“, stellte ich sachlich fest.

„Zu dick? Da sind keine 10 cm Platz.“

„Sag ich doch: zu dick.“

Wie es aussah, war es also mal wieder an der Zeit, meine Rattenqualitäten einzubringen.

„Los, heb mich mal auf dieses Bändel oder wie das heißt.“

Laura setzte mich oben auf dem Metallgestell ab und ich kletterte nach hinten zu dem Ventil.

„Puh, das ist aber fest zugedreht.“, schnaufte ich.

Mit meinem ganzen Gewicht stemmte ich mich dagegen, doch das Rad bewegte sich keinen Millimeter.

„Das hat keinen Zweck.“, meinte Laura.

„Warte, ich schaff das noch!“ So schnell gibt eine Wetterratte doch nicht auf.

„Wir haben keine Zeit für solche Späße, Jette. Um acht soll die Sonde in der Luft sein und es ist schon fünf vor acht. Ich ruf jetzt die Brücke an und bitte um Hilfe.“

Laura griff zu einem altmodischen Telefon neben der Radiosondenanlage und wählte 100, die Nummer der Brücke, nicht zu verwechseln mit 110. Die Polizei würde man hier nicht erreichen.

„Seit wann kann man Brücken eigentlich anrufen? Und wo ist denn hier überhaupt eine Brücke? Ich hab noch gar keine gesehen. Ist es eine Balken-, Bogen-, Zug- oder eine Hängebrücke?“, fragte ich währenddessen.

„Von der Brücke aus wird das Schiff gesteuert, dort sitzen der Kapitän und die Offiziere, die es lenken. Das müsstest du als alte Schiffsratte doch wissen.“, erklärte Laura.

Bevor ich auf diese Frechheit etwas erwidern konnte, kam ein Seemann aus der Tür, öffnete innerhalb von Sekundenschnelle das Ventil und schon begann Helium in den Ballon zu strömen. „Ttschschsch“, machte es, wie eine Schlange mit Erkältung.

Als der Ballon endlich voll war, hantierte Laura eine Weile daran herum, um die Sonde zu befestigen. Sie behauptete zwar felsenfest, dass sie das schon oft gemacht hatte, aber ich hatte trotzdem berechtigte Hoffnung, dass ihr der Ballon aus der Hand rutschte und wie eine Rakete über’s Helideck schoss. Das passierte leider nicht. Naja, vielleicht ja morgen.

Ein gemütlich schwebender Vogel verriet uns die Windrichtung und Laura entließ den ersten Wetterballon in die Freiheit.

„Der erste Ballon und schon zu spät.“, stellte ich fest.

Laura streckte mir sehr unerwachsen die Zunge raus.

Dann standen wir eine Weile an der Reling und sahen der Sonde hinterher. Flieg, kleiner Wetterballon, genieß deine Freiheit, so kurz wie sie ist! Auf dem Weg zur Messe summte ich leise „Let it go“ vor mich hin.

„Und das machen wir jetzt jeden Tag?“, wollte ich wissen.

„Jeden Tag, außer wenn wir zu nah an der Küste sind. Wir wollen ja nicht, dass die Sonde jemandem auf den Kopf fällt.“

„Sammeln wir die Sonden denn gar nicht mehr ein?“

„Nein, die sind dann weg. Die fallen ins Meer und lösen sich dort zum größten Teil auf. Aber wenn du zuhause an Land eine Ozonsonde findest, kannst du sie zum Deutschen Wetterdienst zurück schicken, dann bekommst du einen Finderlohn.“

Oh, das klang ja verlockend. Vielleicht gehe ich mal auf Wetterballonschatzsuche, wenn wir zurück sind. Könnte sich lohnen.

Den Rest des Tages verbrachte Laura mit ziellosem Hin- und Herlaufen. Erst zum Arbeitsdeck um den Ladungsoffizier zu treffen, dann in die Bordwetterwarte, dann auf’s Beobachtungsdeck, dann ins Krähennest, einer Plattform oben auf dem Mast, um einen guten Standort für ihre Messgeräte zu finden.

Zum Krähennest führte eine senkrechte, lange Leiter im Mast hinauf und oben pfiff der Wind so stark, dass ich mich an Lauras Bein festhalten musste, um nicht weg geweht zu werden.

„Wir sind doch keine schwarzgefiederten Rabenvögel. Was wollen wir denn mit einem Nest?“, wollte ich wissen.

„Hier oben kommt Luft an, die noch nicht vom Schiff beeinflusst wurde. Erinnerst du dich noch an das Flugzeug und wie wir mit dem Nasenmast versucht haben, möglichst ungestörte Luft zu messen? Das gleiche wollen wir hier auch haben. Die Luft, die wir messen, soll am besten noch nicht vom Schiff berührt worden sein.“

„Ich find’s hier oben jedenfalls ungemütlich. Es geht ja auch so tief runter überall. Da lob ich mir doch einen bequemen Rattenbau.“

"Aber schau dir doch mal die schöne Aussicht an.“, wandte Laura ein.

„Was denn für eine Aussicht? Überall sind nur Wasser und Wolken zu sehen, keine Fische, keine Wale, keine Pinguine, keine Seeelefanten, keine Quallen, nicht mal Piraten.“

„Dir gefällt der Blick auf’s Meer nicht?“, fragte Laura. „Da hast du jetzt natürlich Pech, denn wir werden jetzt wochenlang nichts anderes sehen.“

„Wochenlang? Nur dieses endlose Wasser?“

„Natürlich. Aber du wirst sehen, es sieht jeden Tag anders aus.“

„Pah, Wasser ist Wasser. So was Langweiliges. Hätte ich das gewusst, wäre ich zuhause geblieben.“

„Wärst du eh nicht.“, meinte Laura. „Du musst es ja nicht mögen. Mir gefällt’s jedenfalls.“

„Hier ist es nicht besonders kalt.“, stellte ich nach einer kurzen Pause fest.

„Nein, und es wird noch viel wärmer werden.“, antwortete Laura. „Wir fahren jetzt in die Tropen. Das ist die Gegend um den Äquator herum, wo es besonders warm und feucht ist.“

„Kein Land, nur Wasser und dazu Hitze. Hier werden wir die Polarwetterratte wohl eher nicht finden, oder?“, fragte ich resigniert.

„Eher nicht.“, stimmte Laura zu. „Aber du wirst sehen, es wird sicherlich trotzdem eine spannende Reise.“

Wir kletterten die ganzen Leitersprossen wieder runter. Huiuiui, waren die steil. Da durfte man nicht aus Versehen den Halt verlieren. Vorsichtig klammerte ich mich an der Leiter fest.

„Jette, du hast doch nicht etwa Höhenangst?“, fragte Laura erstaunt.

„Ich? Was? Ich hab doch keine Angst!“, widersprach ich mit einem vorsichtigen Blick in die Tiefe. „Aber es geht schon sehr steil runter hier.“

„Na los, steig auf meine Schulter, ich trage dich runter.“

Zum Glück schien Laura von der Idee wieder abzurücken, ihre Messgeräte dort oben im Krähennest zu installieren.

Der Ladungsoffizier erklärte ihr irgendwas wegen der Schiffsabgase, was ihr einzuleuchten schien. Der hat jetzt auf jeden Fall was gut bei mir. Diese Federviecher sollen ihre Nester ruhig behalten, ich bleib lieber am Boden. Welche Ratte klettert denn bitte in ein Nest, wo es noch nicht mal Eier zu klauen gibt?

Wobei es auch weiter unten kräftig windete und pustete. Ich sprang von einem Windschatten in den nächsten, um nicht weg geweht zu werden und schlüpfte bei der ersten Gelegenheit durch eine der schweren, wasserdichten Türen, während Laura wieder anfing, kreuz und quer durch die Gegend zu laufen. Erst traf sie den Bootsmann, den Chef der Matrosen, um zu besprechen, wie ihr Krempel auf das Beobachtungsdeck kam, dann erklärte der erste Offizier, das ist der Stellvertreter des Kapitäns, etwas zum Schiff, dann gab es Mittagessen, dann wurden Lauras Messgeräte hoch gebracht. Sie redete mit dem Elektriker, lief ziellos durch die Gegend, zählte Radiosonden, schrieb ein paar Mails, klebte ein Pflaster auf die Plastikhaut ihrer Boxen, damit über Nacht kein Wasser rein lief, traf anderen Wissenschaftler:innen für ein Gruppenfoto und sang ein Geburtstagslied.

Nach dem Abendessen ließen wir uns noch ein bisschen vom Wind auf dem Helideck umwehen und schauten auf’s Wasser. Für eine halbe Minute ist das tatsächlich keine schlechte Beschäftigung, das gebe ich zu. Aber dann reicht es auch wieder. Während Laura noch den ach so schönen Wolken zusah, ging ich lieber zurück ins Warme und machte es mir auf unserer Kammer gemütlich.

Tag 5 (vor der Argentinischen Küste)

„Eieiei.“, stöhnte ich.

„Was ist denn los?“, wollte Laura schlaftrunken wissen und rollte sich aus dem Bett.

„Ich weiß nicht. Ich fühl mich irgendwie gar nicht gut. Eueueu.“, antwortete ich.

„Inwiefern fühlst du dich nicht gut, Jette?“, fragte Laura nach.

„Mir ist ganz mulmig und schummrig und flau im Magen. So ganz schlimm flau. Oioioi.“

„Hast du gestern Abend etwa zu viel Schokolade genascht?“

„Nein, bestimmt nicht. Du hast doch gar keine Schokolade. Aber ich will auch gar keine Schokolade. Nie wieder. Und auch keinen Käse. Und keinen Speck. Ich esse nie wieder was. Iiiiii.“

„Naja, nie wieder ist ja ganz schön lange. Morgen sieht die Welt bestimmt schon ganz anders aus.“, antwortete Laura, während sie zum Fenster ging und ein Blick auf das Meer warf.

„Geh da sofort weg! Das ist mein Guckfenster! Das ist mein Horizont!“, rief ich.

Laura drehte sich zu mir um und machte einen Schritt vom Fenster weg. „Jette, du wirst doch nicht etwa seekrank sein?“

Frechheit! „Seekrank? Ich? Niemals! Ich bin doch eine Seeräuberratte, da macht mir so ein bisschen Geschunkel doch nichts aus!“, widersprach ich empört. „Ich fühl mich halt nur so schwindelig und ganz schwach und als hätte jemand meinen Magen umgestülpt. Uiuiui.“

„Genau das sind die Symptome von Seekrankheit. Das ist doch keine Schande, das kann jedem mal passieren. Ich starte jetzt meine Sonde und gehe Frühstücken und danach bringe ich dich zur Schiffsärztin. Die kann dir bestimmt helfen.“

 

Schockierenderweise war die Schiffsärztin nach gründlicher Untersuchung Lauras Meinung: „Eindeutig seekrank. Du bekommst jetzt ein Pflaster von mir. Darauf ist ein Medikament, das dein Körper über die Haut aufnimmt und das dir helfen wird. Weil du so klein und leicht bist, werde ich dir nur ein kleines Eckchen abschneiden.“

„Klein? Ich bin doch nicht klein! Mäuse sind klein, aber ich bin eine stattliche Wetterratte!“, erklärte ich der Ärztin.

„Ja, für eine Ratte bist du bestimmt groß, aber die Pflaster sind ja für erwachsene Menschen gedacht und im Vergleich zu denen bist du sehr leicht. Wenn ich dir die volle Dosis gebe, haut dich das wahrscheinlich um. Dann bekommst du Halluzinationen und Wahnvorstellungen und das wollen wir ja nicht.“, antwortete sie, während sie das Pflaster in kleine Stücke zerteilte. „Bloß wo kleben wir das jetzt hin? Das Pflaster muss auf die Haut geklebt werden, normalerweise am Hals, aber bei dir ist da ja überall Fell. Da muss ich wohl ein bisschen Fell wegrasieren.“

„Was? Auf keinen Fall! Wie sieht das denn aus? Wie ein geschorenes Schaf! Das geht nicht!“, rief ich und sprang von der Liege auf, was allerdings keine gute Idee war, denn schon wurde mir wieder schlecht.

Die Ärztin hielt mir geistesgegenwärtig eine Spucktüte hin, gerade noch rechtzeitig.

„Du willst doch, dass es dir besser geht. Dann muss das jetzt halt sein.“, mischte Laura sich ins Gespräch ein.

„Kannst du das Pflaster nicht auf meinen Fuß kleben? Da hab ich eh nicht so viele Haare, da fällt das nicht so auf.“, fragte ich die Ärztin.

„Bei deiner Größe wird das wohl keinen großen Unterschied machen.“, meinte sie, griff zum Rasierer und entfernte meine schönen Fußhaare. Dann klebte sie das Pflaster auf meine viel zu nackte Haut. „Weil das Pflaster so klein ist, klebe ich noch ein größeres oben drüber, damit es nicht verloren geht… So, jetzt musst du nur noch warten, bis das Medikament wirkt. Gute Besserung!“

Es war sogar ein Dinopflaster, stellt euch das mal vor! So coole Pflaster gibt es auf Forschungseisbrecherwalen.

Laura brachte mich auf ihre Kammer. Dort kuschelte ich mich in ihre Decke und schlief erstmal ein.

 

Am Nachmittag wurde es gleich mehrfach besser: die Wellen waren weniger hoch, das Pflaster wirkte seine Wunder und das Schiff machte eine CTD-Station. Ich weiß nicht genau, was das ist. Anscheinend machen wir jeden Tag eine, da kann ich mir das ja bei Gelegenheit mal anschauen. Heute war mir das egal. Das wichtige daran war, dass das Schiff deshalb anhielt und damit weniger schunkelte. Während ich mich in die Messe schlich, um nach Resten vom Frühstück und Mittagessen zu suchen, kletterte Laura auf das erhöhte Peildeck. Das ist eine Plattform ganz oben und vorne auf dem Schiff, von wo aus man einen guten Ausblick hat.

Die Wellen und der Wind am Vormittag waren nämlich nicht nur zu hoch für meinen Magen, sondern auch, um ihre Instrumente zu installieren. Die werden nämlich an die Reling geschraubt und das geht nur, wenn es nicht zu sehr schaukelt und stürmt, damit nichts ins Meer fällt.

Jetzt machte sie aber zusammen mit dem Bootsmann und dem Elektriker einen Plan, dann schickte ihr der Bootsmann zwei nette Seeleute zur Hilfe und zu dritt bastelten sie Lauras Instrumente an die Reling. Als das Schiff wieder los fuhr, waren sie zwar noch nicht ganz fertig, aber das Wetter hatte sich weiter gebessert. Die letzte Schraube zogen sie nach der Kaffeepause an, denn den Stachelbeerkuchen wollten sie alle drei nicht verpassen. Kann man ja verstehen. Also jetzt konnte ich das verstehen. Heute morgen, da wäre mir das wie die abwegigste Sache der Welt vorgekommen.

Danach räumten sie noch die Kisten weg und Laura schloss den Strom an. Gemeinsam mit dem alten Seebären Ekki befestigte sie zum Schluss noch die Kabel an der Reling. Er fährt schon fast so lang auf der Polarstern wie Laura alt ist. Bestimmt kann er von all diesen Reisen eine Menge Seemannsgarn erzählen. Gemeinsam packten sie am Ende die Kabel in eine Plastiktüte als Regenschutz. Laura zwickte noch die überstehenden Kabelbinderenden ab und dann gab es Burger zum Abendessen.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich Laura. Ich hatte den ganzen Tag nur herum gehangen. Jetzt war es Zeit, etwas zu unternehmen.

„Jetzt gehen wir einkaufen.“, antwortete sie und gähnte.

Dafür stiegen wir in die Tiefen des Walbauchs, wo mehrmals in der Woche der Laden geöffnet wurde. Der Laden war eigentlich nur ein Fenster in einer Lagerraumtür, wo zu diesen Zeiten eine Person aus dem Wirtschaftsteam herausschaute. Heute waren es sogar zwei.

„Und Jette, was möchtest du haben? Du darfst dir was aussuchen.“

„Oh, das ist einfach: ich möchte Schokolade haben. Und Gummibärchen. Und Nüsse. Und noch mehr Schokolade. Und Chips. Und Popcorn…“

„So viel kannst du doch gar nicht essen.“, meinte Laura.

„Oh doch, und wie ich das kann!“, versicherte ich ihr.

Am Ende kaufte Laura Schokolade, Gummibärchen und Limo ein.

„Wir können ja mal wieder einkaufen gehen, wenn das alles aufgegessen ist.“, erklärte sie auf dem Weg nach oben.

Tag 8 (vor dem Südzipfel von Brasilien)

Heute stand ein großes Abenteuer an: Wir wollten ein Seeungeheuer fangen, eine riesige Monstermeeresschlange, die im Wasser wohnt und dreieinhalb Kilometer lang ist. Im Dezember 2022 hatten sie Wissenschaftler vom Geomar ausgesetzt und jetzt war es an der Zeit, sie wieder einzufangen. Das Geomar ist ein Forschungsinstitut wie das AWI, wo Laura arbeitet. Es wohnt in Kiel und die Leute dort beschäftigen sich mit den Meeren.

Unsere Oberschlangenjäger sind Mario und Tim. Sie sind extra für diese Mission mitgekommen. Sie nennen es aber nicht Meeresschlangenjagd, sondern sie sagen, dass sie eine Verankerung bergen wollen. Mario hat mir genau erklärt, was das für eine Seeschlage war: Mit dem Kopf hat sie sich in 3500 Metern Tiefe am Boden festgebissen. Ihr Kopf besteht aus einem Metallrohr mit einer Platte und sechs Eisenbahnrädern und wiegt 1500 kg. Kein Wunder, dass sie einen so schweren Kopf nicht mehr hoch heben kann und ihn wie der Vogel Strauß in den Boden steckt. Damit er dort besser hält, hat er sogar Zähne, um sich festzubeißen.

Nach dem Kopf kommt, das weiß man ja, der Hals. Darum hat die Schlange ein Halsband mit zwei sogenannten Auslösern, wo sich das Halsband öffnen kann. Dann löst sich der obere Teil, der Schlangenschwanz, vom Kopf und steigt auf. Dafür hat sie so etwas wie Ohren, also Mikrophone. Mario erklärte mir, dass es eine gut gezähmte Meeresschlage ist, die auf’s Wort hört und sofort kommt, wenn man sie ruft. Doch ist es so leicht, ein Seeungeheuer zu zähmen?

Nach dem Hals kommt dann der lange, lange Schlangenkörper und -schwanz. Er geht von den 3500 m Tiefe bis 50 m unter der Oberfläche. An verschiedenen Stellen haben die Leute vom Geomar Sachen an der Schlange befestigt: An 15 Stellen gibt es Instrumente, die die Wassertemperatur, den Druck und das Salz im Wasser erfassen. Außerdem gibt es an sechs Stellen Geräte, die die Strömung messen, also wie sich das Wasser um sie herum bewegt. 500 m unter der Oberfläche gibt es ein ähnliches Gerät, das die Strömung von da, wo es war, bis zur Oberfläche messen kann. Alle diese Strömungsmesser machen das auf eine ähnliche Art: sie rufen einmal laut und warteten auf das Echo. Daran, wie sich das anhört, können sie dann erkennen, von wo nach wo und wie schnell das Wasser fließt.

Zwischendrin gibt es ganz viele Glaskugeln, die innen hohl sind. Diese ziehen die ganze Schlange nach oben. Klar, so eine Schlange will sich ja am liebsten gemütlich einrollen und das verhindern die Kugeln. Ganz schön gemein, dass die arme Schlange da so lang gestreckt wird. Ganz oben an der Schwanzspitze 50 m unter der Wasseroberfläche gibt es noch eine ganz große Kugel. Eigentlich ist es eine Boje, die aber unter Wasser gehalten wird, weil der Rest der Schlange so schwer ist. Sie ist ungefähr 1,20 m groß und ganz rot.

Diese ganze lange Schlange sollte also nun eingefangen werden. Mario und Tim standen bereit, doch nicht nur sie. Auch viele der Matrosen, der Bootsmann, der erste Offizier, der Ladungsoffizier und natürlich wir standen an der Reling, einige bewaffnet mit Angelwerkzeugen, andere, wie Laura, nur zum Gucken und im Weg stehen.

Um die Schlange einzufangen, musste man sie erstmal rufen, denn es war ja eine gut trainierte Schlange, die auf’s Wort gehorchte, wie Mario mir versichert hatte. Dafür wurde eine Art Unterwassermikrophon ins Wasser gelassen, mit dem man der Schlange zurufen konnte. Die Schlange beherrscht zwei Kommandos: Eins davon ist „Hallo?“. Wenn man das durch das Unterwassermikrophon ruft, antwortet die Schlange mit „Hallo!“. Das andere ist „Loslassen!“. Dann löst die Schlange die Verbindung an ihrem Halsband, sodass der ganze lange Schlangenschwanz an die Oberfläche kommt. Die Eisenbahnräder auf dem Boden sind zu schwer, um sie hoch zu holen. Sie bleiben dort einfach liegen.

Man ruft der Schlange natürlich nicht wirklich „Hallo?" und „Loslassen!“ zu, sondern nutzt dafür ganz hohe Fiepstöne, die selbst ich mit meinem feinen Rattengehör nicht wahrnehmen kann. Es ist eine Art Unterwasserseeschlangensprache. 

Nun rief Mario nach seiner Seeschlange ins Meer hinein: „Loslassen!“

Gespannt starrten wir auf’s Meer. Gleich sollte sich die rote Schlangenschwanzspitze zeigen. Wir warteten.

Mario rief nochmal nach seiner Schlange: „Loslassen!“

„Wo bleibt denn jetzt die Schlange?“, fragte ich.

„Die kommt bestimmt gleich. Sei nicht so ungeduldig.“, raunte Laura, während sie gespannt auf das Meer blickte.

„Hallo?“, rief Mario in den Ozean hinein.

Stille. Die Seeschlange antwortete ihm nicht. Hatte sie etwa keine Lust, mit uns zu reden? Vielleicht kann man Seeschlangen nicht so einfach dressieren. Ein Seeungeheuer ist nun mal kein Schoßhündchen.

Mario wurde langsam nervös. „Hallo?“, rief er nochmal ins Meer.

Weiterhin Stille.

Mario griff zum Telefon um seine Kollegen anzurufen, die gerade mit einem anderen Forschungsschiff unterwegs waren.

In der Zwischenzeit probierten es die Seeleute vom Bug aus.

„Loslassen!“, riefen sie der Schlange zu.

Wieder nichts.

Vielleicht waren wir an der falschen Stelle? War auf diesen alten Plänen die Verankerung nicht sieben Seemeilen, das sind ungefähr 13 km, entfernt eingezeichnet? Na sowas blödes.

Das Schiff setze sich in Bewegung. Einige Kilometer und Telefonate später, hielten wir an und fuhren wieder zurück. Es war wohl doch der richtige Ort gewesen.

„Was ist denn das da?“, fragte ich einen der Seeleute während wir warteten. „Das ist aber ein kleiner Anker für so ein großes Schiff.“

„Das ist kein Anker. Das ist ein Grapnel.“, erklärte er.

„Ein Kamel? Wir haben ein Kamel an Bord?“, fragte ich überrascht.

„Kein Kamel. Ein Grapnel. Damit kann man schwere Fische an Bord ziehen, die man gefangen hat oder eben auch Verankerungen, die man einsammeln will.“

In der Zwischenzeit hatte einer der Seeleute für alle an Deck Kaffee geholt. Man machte es sich gemütlich, denn das konnte dauern, bis sich diese Seeschlange mal dazu herabließ, hoch zu kommen. Ich machte es mir derweil in einem der Helme gemütlich.

Nichts passierte.

Wir hatten inzwischen den ursprünglichen Ort wieder erreicht und testeten nun andere Unterwassermikrophone. „Loslassen! Hallo? Loslassen!“, riefen wir der Seeschlange immer verzweifelter zu. Doch was ein richtiges Seeungeheuer ist, das lässt sich von so ein bisschen Geschrei nun mal nicht aus der Ruhe bringen und macht, was es will. Und dieses wollte eben nicht aufsteigen.

Nach ungefähr drei Stunden mussten wir aufgeben. Wir hatte die Riesenseeschlange nicht gefangen.

„Was glaubst du, warum hat die Seeschlange nicht gehorcht?“, fragte ich Mario beim Mittagessen.

„Ich weiß es nicht.“, sagte Mario und ließ den Kopf hängen. „Es kann sein, dass die Batterie vom Auslöser leer ist oder das etwas kaputt ist oder dass sie irgendwo festhängt oder sie ist nicht genau dort, wo wir denken, dass sie ist, weil der Meeresboden ein bisschen schräg ist und sie noch ein Stück den Hang herunter gerutscht ist, und hat das Signal darum nicht empfangen.“

„Und was passiert jetzt? Bleibt die Schlange jetzt für immer und ewig im Ozean?“

„Hoffentlich nicht. So eine Verankerung ist ungefähr so viel Wert wie ein Einfamilienhaus (allerdings keins in München oder Hamburg, eher so in Kiel). Außerdem hat sie jetzt über zwei Jahre lang Daten gesammelt. Wenn wir sie nicht herausholen sind die verloren. Wahrscheinlich müssen wir also ein anderes Mal wieder kommen und es mit mehr Zeit nochmal versuchen. Dann können wir gezielt mit Schlauchbooten nach der Verankerung suchen und sie vielleicht sogar mit einer Art Lasso unten abschneiden und sie so doch noch bergen.“ Seine Augen leuchteten hoffnungsvoll.

„Und was macht ihr dann jetzt die ganze Zeit?“, fragte ich Mario und Tim nach einer Weile, in der sich deprimierte Stille in der Messe ausbreitete.

„Naja, viel haben wir ja jetzt nicht zu tun…“, meinte Tim schulterzuckend.

„Dann könnt ihr ja jetzt mit mir Karten spielen.“, schlug ich vor.

So hatte ich endlich Mitspieler gefunden und wir zockten im roten Salon einige Runden UNO. Abends schauten wir dann noch den Film „Ratatouille“ und aßen dabei Schokolade. Kennt ihr „Ratatouille“? Die Hauptfigur ist eine Ratte, die Koch werden will. Endlich mal eine realistische Rattendarstellung im Kino.

Tag 11 (vor Südbrasilien)

Heute haben wir eine Expedition ins Innere des Wals unternommen. So ein Eisbrecherwal braucht natürlich ein ausgeklügeltes Herz-Kreislauf-System, damit er über die sieben Weltmeere schippern kann. Heute wollten wir diese innersten Geheimnisse der Polarstern erkunden. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen. Wie es sich bei einer Expedition in unbekannte Gefilde empfiehlt, nahmen wir einen einheimischen Führer mit, einen der Ingenieure. Er kannte die Maschine wie seine Westentasche. Ob wir wohl eine neue Art entdecken würden? Vielleicht die gemeine Polarsternschrecke oder die grüngefleckte Schiffsunke? Man muss die Augen offen halten, dann wimmelt es nur so vor Überraschungen in der wilden Natur.

Unsere Erkundungstour startete im Kontrollraum. Dort gibt es ganz viele Knöpfe, Pläne, Ordner, Lampen, Computer,… Welches ist wohl der „schlimmste“ Knopf auf den man drücken kann?

„Mit diesen beiden Hebeln kann man das Schiff von hier unten aus steuern, wenn es mal einen Notfall gibt, bei dem die Brücke ausfällt.“, erklärte uns der Ingenieur. Ich merkte mir diese Tatsache für meine nächsten Seeräuberrattenpläne. Man muss also gar nicht in das Gehirn des Schiffs, es reicht anscheinend, wenn man sich in sein Herz schleicht.

Unser Expeditionsführer erklärte uns, dass die Polarstern von 20000 Pferden gezogen wurde, verteilt auf vier Ställe.

„20000 Pferde haben wir an Bord? Wo sind die denn alle? Da braucht man aber viel Platz und das ganze Futter!“, staunte ich.

„Nein, wir haben nicht 20000 Pferde an Bord, sondern 20000 Pferdestärken. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Auto hat etwa 150 PS.“, sagte der Ingenieur. „Wir brauchen auch kein Futter, sondern Treibstoff, den wir auf verschiedene Tanks verteilen.“

„Was frisst die Polarstern denn so am Tag?“, wollte ich wissen.

„Gerade verbrauchen wir etwa 30 Tonnen pro Tag. Wenn wir Eis brechen müssen, können es bis zu 50 Tonnen sein. Insgesamt können wir 3600 Tonnen tanken.“ 3600 Tonnen, das sind so viel wie 18 Blauwale, 720 afrikanische Elefanten oder 12 Millionen Wanderratten.

„Wenn wir das dann nach und nach verbrauchen, pumpen wir Wasser in die Ballasttanks. Davon können wir 2400 Tonnen auf die Tanks verteilen.“, fuhr er fort. 2400 Tonnen sind immer noch 8 Millionen Wanderratten.

„Ihr fahrt Wasser spazieren? Aber hier ist doch überall Wasser, da müsst ihr doch nicht noch extra welches sammeln.“, meinte ich.

„Wir sammeln das ja auch nicht, um genügend Wasser dabei zu haben, sondern um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das Gewicht sorgt dafür, dass wir weiterhin stabil im Wasser liegen.“

Jetzt gab mir der Ingenieur Kopfhörer, denn der Herzschlag der Polarstern und das Rauschen ihrer Adern war zu laut für mein empfindliches Rattengehör. Selbst die Menschen setzten einen Gehörschutz auf. Dann starteten wir unsere Expedition ins Ungewisse.

Ein Wal lebt nun mal im Ozean und darum spielt Wasser auch in seinem Inneren eine große Rolle. Aus dem „Futter“ muss das Wasser allerdings möglichst komplett raus, sonst verdirbt er sich den Magen. Dafür gibt es extra Futterreinigungsanlagen.

Alles Wasser, das der Wal „trinkt“, wird erstmal sauber gemacht. Es gibt einen Filter und eine UV-Anlage, die alles umbringt, was darin noch kreucht und fleucht. Das ist wichtig, damit niemand die Polarstern mit einem Taxiunternehmen verwechselt und sich von ihr als blinder Passagier durch die Ozeane transportieren lässt. Spuckt der Wal das Wasser nämlich später irgendwo anders wieder aus, könnte es sonst passieren, dass plötzlich Tiere und Pflanzen an Stellen kommen, wo sie gar nicht hingehören und vielleicht die einheimischen Arten verdrängen würden. Mein Tipp also für sämtliche kleineren Wasserbewohner: „Haltet Abstand vom gefräßigen Polarsternwal, dann tut er euch auch nichts. Im Grunde ist er nämlich ein sehr friedfertiges Tier, aber er mag nun mal keine Flöhe im Pelz. Das kann man ja verstehen.“

Das Leitungswasser muss noch extra aufbereitet werden, damit es nicht mehr salzig ist. Dafür gibt es gleich zwei Anlagen. 20 Tonnen Frischwasser passen rein, das sind immerhin noch 67000 Ratten, vier Elefanten oder ein Zehntel Blauwal.

Auf der anderen Seite des Verdauungstrakts wird das Abwasser gereinigt. Dafür gibt es einen Tank, in dem ganz viele Bakterien wohnen, die den Dreck weg fressen. Naja, wem’s schmeckt… Danach kann man das Wasser unbesorgt ins Meer laufen lassen, denn dann ist es ganz sauber.

Es gibt übrigens auch eine kleine Müllverbrennungsanlage an Bord, damit der Müll nicht so viel Platz wegnimmt und nicht stinkt. Ein Glück, sonst würde meine feine Rattennase ganz schön leiden müssen. Verbrannt wird nur Pappe und Biomüll. Alles andere, wie Plastik zum Beispiel, wird gesammelt und später im Hafen entsorgt.

Als nächstes kamen wir zum Nervensystem des Wals, der Elektrik. Ein ganzer Raum voller Spulen und Schalter, Sicherungen, dicker Kabel, dünner Kabel und geheimnisvoller Teile, von denen sicher mindestens eines geeignet war, eine geheime Nachricht an die internationale Raumstation zu senden. Unser Ingenieursguide zeigte uns, wo er im Notfall alles ausschalten konnte. Es gab ganz viele Schalter. An manchen stand „Wichtige Verbraucher“ und an anderen „Unwichtige Verbraucher“. Der Heckstrahler beispielsweise ist ein unwichtiger Verbraucher. Ob ihm das wohl zu schaffen macht? Vielleicht muss er deshalb wegen Minderwertigkeitskomplexen zum Therapeuten? Um ihn zu trösten, statteten wir ihm einen Besuch ab. Durch ein Gitter konnte man auf ihn runter schauen, was sicherlich auch nicht gerade förderlich für das Selbstwertgefühl ist. Ich habe ihm zugewunken und gerufen „Wir brauchen dich!“, damit er sich auch mal wichtig fühlen kann.

Im ganzen Schiffsbauch wimmelt es übrigens nur so vor Pumpen. Ich glaube, Pumpen sind die Insekten eines Schiffs: Ob man will oder nicht, sie sind einfach überall, summen einem nervig ins Ohr. Aber wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass das System ohne sie zusammenbricht.

Jetzt endlich kamen wir ans Ruder, von dem man aber nicht viel sehen konnte. Die Stellung des Ruderblatts bestimmt, in welche Richtung das Schiff fährt.

„Das Ruder ist ungefähr drei Meter hoch. Ihr könnt euch also vorstellen, wieviel Gewicht hier dran hängt.“, erklärte uns der Ingenieur.

Wie es aussah, schauten wir also nur auf den Deckel des Ruders. Wir waren also gar nicht AM, sondern nur BEIM Ruder. Wie enttäuschend! Ich wollte doch so gern mal einen Wal lenken.

Weiter ging es zu den Antriebswellen. Das sind ganz lange, dicke Rohre, die sich sehr schnell drehen mit 174 Drehungen pro Minute. Die Polarstern hat zwei davon. So wird die Energie vom Motor auf die Propeller übertragen, die sich dann drehen und den Wal so durch die Gegend schieben. Die Geschwindigkeit, mit der wir fahren, hängt nicht von der Drehzahl ab, sondern vom Anstellwinkel der Propeller. Ich starrte die Welle an. So schnell, wie sich die drehte, konnte ich gar nicht gucken. Huiuiui, da durfte man aber nicht mit dem Rattenschwanz hinein geraten…

Zum Schluss zeigte uns unser Naturführer noch die wasserdichten Schotten. Das sind große, orangene Tore, die man schließen kann, wenn irgendwo ein Leck, also ein Loch im Schiff, ist, wo Wasser rein läuft. So kann man dafür sorgen, dass nicht der gesamte Wal mit Wasser voll läuft und untergeht, sondern immer noch stabil schwimmt. Wenn die Glocke neben dem Schott bimmelt, dann geht es zu und es ist dabei unerbittlich, egal, wer oder was im Weg steht. Also geht niemals durch sich schließende Schotten. Nehmt lieber die Notausgangtür daneben. Wenn die Schotten dicht gemacht werden, ist es wahrscheinlich eh eine gute Idee, den nächsten Notausgang zu nehmen und den Weg zum Sammelplatz und den Rettungsbooten anzutreten.

Zum Glück hatten wir solche Probleme nicht. Die Glocke schwieg, das Schott war offen und wir kletterten aus dem Walbauch wieder nach draußen und direkt in die Messe. Auf Expedition zu sein macht hungrig und nach so viel Naturerkundung war es höchste Zeit für eine Stärkung. Zum Glück war es Zeit für’s Mittagessen und es gab sogar Eis zum Nachtisch.

Tag 15 (vor der brasilianischen Küste)

Einmal am Tag machten wir eine sogenannte Station. Bei einer Station hielt das Schiff an, sodass man zum Beispiel Sachen ins Wasser hängen konnte. Das machten besonders Yvonne und Sophia gerne.

Dann tauchten sie nämlich einen Flaschenfisch in den Ozean. Sie nannten ihn CTD. Davon hatte ich jetzt schon öfter gehört. Wofür stand das bloß - vielleicht für Chilenischer Tauchdrachen?

„Wofür steht eigentlich CTD?“, fragte ich Yvonne, während wir darauf warteten, dass es los ging.

„CTD steht für ‚Conductivity, Temperature, and Depth‘, also Leitfähigkeit, Temperatur und Tiefe.“, antwortete sie. „Temperatur ist natürlich, wie warm oder kalt das Wasser ist. Die Tiefe besagt, wie weit unter Wasser die Sonde sich befindet. Die Leitfähigkeit gibt an, wie gut durch das Wasser Strom fließen kann. Durch ganz sauberes, also destilliertes Wasser, kann überhaupt kein Strom fließen, aber wenn Salz im Wasser gelöst ist, leitet es Strom. Deshalb kann man aus der Leitfähigkeit ausrechnen, wie salzig das Wasser ist.“

„Und warum interessiert euch das?“, wollte ich wissen.

„Uns interessiert eigentlich vor allem die Schallgeschwindigkeit, die wir auch messen. Die brauchen wir, um aus unseren Messungen auszurechnen, wie weit es bis zum Ozeanboden ist. Denn während wir mit der Polarstern unterwegs sind, finden wir heraus, wie der Meeresboden unter ihr aussieht. Wir sind sozusagen Kartographinnen des Ozeans. Du kannst ja mal bei uns in der Bathymetrie vorbei kommen, dann zeigen wir dir das.“

„An der CTD gibt es ganz viele Flaschen, die einen Kreis bilden. Damit kann man Wasser auf verschiedenen Tiefen sammeln.“, erklärte mir Laura. Sie sagte: „In der CTD sitzt ein kleiner Kobold, der auf den verschiedenen Tiefen die Flaschen öffnet und schließt.“

Aber ich glaube, damit wollte sie mich auf den Arm nehmen. Wie soll der arme Kobold denn ohne Luft klar kommen? Ich glaube, da sitzt eher ein super schlauer Tintenfisch.

„Hier oben gibt es doch schon genügend Wasser, warum will man das denn so tief unten sammeln?“, fragte ich.

„Dafür kann es verschiedene Gründe geben.“, meinte Laura. „Biolog:innen wollen zum Beispiel wissen, was da alles so drin wohnt. Es geht dabei weniger um Fische als um die ganz kleinen Lebewesen: kleine Algen, winzige Krebschen, Bakterien,… So kann man herausfinden, was in welcher Tiefe lebt. Die Kolleg:innen aus der Chemie sind eher daran interessiert, welche Stoffe wo zu finden sind.“

Bevor ich weiter fragen konnte, ging es los und wir fuhren die CTD an einer Deckenschiene zu der Stelle der Reling, die man öffnen kann. Heute durfte ich Yvonne sogar dabei helfen. Dann wurde der ganze Flaschenring an ein langes Drahtseil gehängt und mit dem Kran ins Wasser gelassen.

„Wie tief schicken wir das jetzt?“, fragte ich den Schiffsmechaniker.

„Heute gehen wir auf 1500 m runter, aber wir können bis zu 6000 m tiefe CTDs machen.“, antwortete er.

6000 m, das sind ja 6 km. Für diese Strecke bräuchte ein sprintender Leopard 6 Minuten und 12 Sekunden, eine ausdauernd rasende Ratte eine reichliche halbe Stunde und eine Schnecke 250 Tage.

„So tief ist das Meer hier?“, staunte ich.

„Ja, an manchen Stellen sogar noch viel tiefer. Hier sind es gerade 5611 m.“

Ich schaute dem Flaschenfisch hinterher, bis man ihn in der Tiefe des Wassers nicht mehr erkennen konnte. Dann sah man nur noch das Seil im ultramarinblauen Wasser verschwinden.

„Und ihr seid sicher, dass wir das am Ende wieder hoch ziehen können? Das sieht ja schon ganz schön schwer aus und wenn dann noch alles voller Wasser ist…?“, fragte ich.

„Keine Sorge, das schaffen wir schon.“, lachte einer der Seeleute.

Jetzt besuchte ich Yvonne und Sophia im Windenleitstand. Das ist der Raum, von dem aus man die ganzen Drahtseilrollen steuern kann.

Dort saßen zwei Leute aus der Decksbesatzung und steuerten die Winde, von der das Seil abgewickelt wurde. Yvonne und Sophia schauten derweil auf einen Bildschirm und fragten sich, ob die Daten, die da rein kamen, sinnvoll waren. Sonst passierte nichts. Und immer noch nichts. Genau gar nichts.

„Wie lange dauert das denn?“, fragte ich nach einer Ewigkeit von fünf Minuten.

„So anderthalb Stunden sind wir alles in allem schon beschäftigt.“, meinte Sophia.

Puh, das war aber lange, um einen Bildschirm anzuschauen. Ich beschloss, mich lieber wieder hinaus zu schleichen.

Wie sich herausstellte, war das eine gute Idee. Denn während so einer Station kann man auch andere Dinge ins Wasser tauchen, beispielsweise Rettungsboote. Der erste Offizier erklärte gerade, dass man regelmäßig testen muss, ob alles funktioniert. Deshalb sollten heute die Rettungsboote auf der Backbordseite einmal im Wasser abgesetzt werden. Als alte Schiffsratte wusste ich natürlich, dass das bedeutete, dass das die Boote auf der linken Seite sind, von hinten nach vorn geguckt.

Ich schaute an der Reling herunter zu dem Rettungsboot. Es war ganz schön kompliziert, das Boot ins Wasser zu lassen, aber noch komplizierter, es wieder hoch zu holen. Dafür musste man Hebel in einem Kasten bedienen und mehrere Leute standen oben bereit, um das Boot in Empfang zu nehmen. Es dauerte ein paar Minuten, bis es wieder an seinem Platz aufgeräumt war.

Ich schaute mich um. Gerade waren alle in Gespräche vertieft. Mit einem Sprung war ich in dem Kasten, von dem man das Ablassen steuern kann. Das war doch der Hebel, an dem man das Boot ins Wasser lassen konnte. Wer weiß, ob im Notfall ein Mensch da war, um das Boot runter zu lassen. Menschen sind ja sehr langsame Tiere. Besser, wenn ich das mal ausprobierte, damit ich im Notfall bereit war. Ich zog an dem Hebel, das Boot ruckelte ein bisschen und es entstand ein quietschendes Geräusch, wie wenn jemand einer Maus auf den Schwanz tritt.

Der erste Offizier und der Bootsmann fuhren herum. Schnell weg, denn wenn sie mich erwischten, gab es richtig Ärger. Mit einem Satz sprang ich aus dem Kasten und flitzte die Treppe hoch.

„Was war das?“, rief jemand.

Oben stand die Tür zum Rettungsboot offen. Dort suchten sie mich bestimmt nicht. Ich kletterte die Leiter runter und ruckzuck war ich im Boot. Dort waren gerade zwei Seeleute damit beschäftigt, alles zu überprüfen und nach dem Test wieder festzumachen. Darum war also nichts passiert, als ich das Boot ablassen wollte. Es war nämlich noch extra gesichert.

Wo ich schon mal hier war, konnte ich mich ja auch gleich mal ein bisschen umschauen. Schnell hatte ich die Notfallvorräte entdeckt, doch nachdem ich daran geschnuppert hatte, wollte ich lieber nicht probieren. Wie ekelhafter, altbackener Zwieback roch das. Das Zeug machte bestimmt Verstopfung. Warum hatten die denn keinen Notfallkäse und keine Schokolade im Rettungsboot? Im Notfall braucht man doch etwas, das die Laune steigert und da gibt es kein besseres Mittel als Schokolade.

Weil ich gerade so schön dabei war, probierte ich auch gleich aus, wie ich das Boot steuern könnte. Im Notfall macht das einer der Offiziere, aber man weiß ja nie, ob da gerade einer zur Stelle ist. Besser man ist vorbereitet. Der Offizier kann sich gemütlich auf den Chefsessel setzen, aber obwohl ich eine stattliche Ratte bin, war ich dafür zu klein. Wenn ich mich ins Lenkrad setzte, ging es auch. Ich kletterte einfach links oder rechts im Lenkrad hoch, um die Richtung zu steuern. „Hört her, ihr Seebären und -Elefanten, Meerkühe und -Schweinchen, macht euch im Notfall keine Sorgen, denn es ist eine Wetterratte an Bord und die ist vorbereitet!“

In diesem Moment kam Laura ins Boot geklettert und entdeckte mich auf dem Lenkrad.

„Vielleicht überlässt du das besser der Besatzung und schnallst dich auf einem der anderen Plätze ordentlich an.“, schlug sie vor und hob mich von meinem Chefsessel herunter.

Ich setzte mich auf ihre Schulter und ließ mich von ihr aus dem Boot tragen.

„Was war denn das für eine Aufregung vorhin?“, fragte sie im Hinausgehen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich. „Anscheinend hat das Rettungsboot wie von Geisterhand gewackelt. Vielleicht hat ja der CTD Kobold daran rum gespielt.“

Laura warf mir einen durchdringenden Blick zu. Gut, dass ich so ein schönes Fell habe, da sieht man nämlich nicht, wenn ich rot werde.

„Der CTD Kobold war doch mit dem CTD unter Wasser. Hat da nicht vielleicht eine gewisse Wetterratte ihre Pfoten im Spiel gehabt?“, fragte sie streng.

„Sowas würde eine Wetterratte doch niemals tun.“, versicherte ich ihr, aber sie nahm es mir nicht ab.

„Zum Glück ist nichts passiert.“, meinte sie nach einer Pause. „Aber wenn ich, oder jemand aus der Crew, dich nochmal bei so einer Aktion erwische, dann bleibst du für den Rest der Reise in der Kammer, ist das klar? Die Polarstern ist doch kein Rattenspielplatz!“

Anscheinend war sie richtig sauer. „Ich wollte nur für den Notfall vorbereitet sein…“, rechtfertigte ich mich. Nach einer kurzen Pause fuhr ich flüsternd fort: „Nicht, dass ihr mich auf dem Schiff zurücklasst, so wie das die Menschen in der Vergangenheit mit Schiffsratten immer gemacht haben.“

„Ach Jettchen!“, meinte sie schließlich versöhnlich und streichelte mir über das Rückenfell. „Ich werde schon darauf achten, dass du nicht zurück bleibst. Wir gehen mit unseren Schwimmwesten zum Sammelplatz und von da an übernimmt die Besatzung. Die wissen, was sie tun, üben das regelmäßig und holen uns notfalls hier raus. Da sind wir in guten Händen, keine Sorge.“

Tag 18 (vor der östlichsten Ecke Südamerikas)

Heute Vormittag habe ich Sophia und Yvonne in der Bathymetrie besucht. Das ist der Raum für die Meerestiefenmessungen. Im Grunde ist es einfach ein Raum mit sehr vielen Rechnern und Bildschirmen drin. Sie hatten mich ja gestern während der CTD eingeladen, mir das mal anzuschauen und diese Chance wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

„Was genau macht ihr denn hier?“, fragte ich Sophia, die gerade ihre Schicht begonnen hatte.

„Wir vermessen den Meeresboden, damit man weiß, wie der aussieht. Wo gibt es Täler und Berge, wie tief ist der Ozean?“

„Weiß man denn nicht, wie der Meeresboden aussieht?“, wunderte ich mich.

„Nicht so genau.“, erklärte Sophia. „Während jeder Fahrt kann man nur einen schmalen Streifen vermessen, darum ist es eine internationale Aufgabe über Jahrzehnte, den gesamten Meeresboden zu vermessen. Mit jeder Fahrt wissen wir aber ein bisschen mehr.“ 

„Und wie macht ihr das? Fragt ihr Hector, den Hering, ob er mal nachschauen kann?“

„Nein, wir machen es eher wie Debora, die Delphindame. Wir nutzen Töne.“

„Töne? Ihr singt in den Ozean?“

„Naja, singen ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Ganz unten am Schiff haben wir ein Gerät, dass sehr hohe Töne ins Wasser schickt und dann auf das Echo lauscht. Daran, wie lang es dauert, bis das Signal zurück kommt, kann man erkennen, wie weit der Boden weg ist. Das ist wie beim Donner im Gewitter. Aus dem Abstand zwischen Blitz und Donner kann man ja auch ausrechnen, wie weit das Gewitter noch entfernt ist, weil Schall viel langsamer ist als Licht.

Wie schnell genau der Schall allerdings ist, hängt davon ab, in welchem Material er sich bewegt. In Wasser ist er beispielsweise viel schneller als in Luft, ungefähr vier Mal so schnell. Wie schnell genau, das hängt von der Temperatur und vom Salzgehalt ab. Erinnerst du dich noch an die CTD gestern? Damit messen wir regelmäßig die Wassertemperatur, den Salzgehalt und damit die Schallgeschwindigkeit in verschiedenen Tiefen um die richtigen Entfernungen aus der Laufzeit ausrechnen zu können.“

„Also ruft ihr ganz laut ins Wasser rein und dann lauscht ihr, wann etwas zurück kommt?“

„Genau.“

„Und was machst du an diesen anderen Bildschirmen hier?“, wollte ich wissen.

„Da bearbeiten wir die Daten nach. Wir schneiden unrealistische Ausreißer ab und bereinigen die Beobachtungen von Messfehlern.“

Ich schaute Sophia eine Weile beim Schnippeln zu, aber es war ungefähr genauso spannend, wie Laura beim Arbeiten zuzusehen. Darum beschloss ich bald, einen Ausflug zur Messe zu machen und aus dem Kühlschrank ein bisschen Käse zu stibitzen.

Tag 20 (Äquator)

Zur Zeit lässt Laura ganz viele Luftballons steigen. Alle drei Stunden schickt sie einen in den Himmel.

„Ist heute ein Geburtstag oder irgendein anderes Fest?“, wollte ich am Morgen von ihr wissen.

„Ne, wieso?“, fauchte sie mich an.

„Na, weil du so viele Luftballons steigen lässt.“, antwortete ich und zog den Kopf ein. Alle drei Stunden, auch nachts, das tut ihrer Laune definitiv nicht gut, obwohl ihr schon ein Kollege hilft und die beiden Sonden frühmorgens, um vier und um sieben Uhr, übernimmt.

„Ach so, das ist wegen der ITCZ, durch die wir gerade fahren.“, brummte sie.

„Die was?“

„Die Intertropische Konvergenzzone.“

„Aha. Muss man die kennen?“

„Als Wetterratte vermutlich schon.“

Jetzt wurde sie auch noch gemein. Unverschämtheit. Ich streckte ihr die Zunge raus. Sie reagierte gar nicht darauf.

„Am besten befragst du dazu bei Gelegenheit mal Julia und Lennéa vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Das ist schließlich deren Forschungsgebiet und für die lassen wir die ganzen Wetterballons steigen.“, fuhr sie nach einer Pause etwas gutmütiger fort.

„Und wann sehen wir Julia und Lennéa mal wieder?“, wollte ich wissen.

„Vermutlich in zwei Monaten oder so.“

„Das ist ja noch ewig hin!“, rief ich aus.

„Also gut…“, meinte Laura, setzte sich hin und nahm Zettel und Stift zur Hand. „Auf jeder Erdhalbkugel gibt es drei große Zirkulationssysteme: die polare Zelle, die Ferrelzelle und die Hadleyzelle.“ Zur Veranschaulichung malte sie eine Kugel und einige Pfeilchen auf das Papier.

„Warum sind es gerade drei? Bestimmt, weil drei eine Glückszahl ist, oder?“, fragte ich dazwischen.

„Nein, es sind drei, weil das die kleinste Anzahl ist, die die Drehimpulserhaltung nicht verletzt.“

„Die Drehwas?“

„Die Drehimpulserhaltung. Das ist der Grund, warum du mit dem Fahrrad weniger leicht umkippst, wenn du schnell fährst. Wenn wir ein Wettfahren machen, dann ist es doch überhaupt nicht schwer für dich, geradeaus zu fahren, stimmt’s?“

„Natürlich. Schließlich bin ich eine superklasse Fahrradwetterratte.“

„Wenn du aber an der Ampel nicht absteigen willst und darum fast auf der Stelle fährst, das ist dann richtig schwierig, die Balance zu halten. Letztens bist du sogar einfach umgefallen, erinnerst du dich?“

Und ob ich mich erinnerte. „Ja, weil das dann rumwackelt.“, gab ich zu.

„Genau. Das liegt daran, dass der sogenannte Drehimpuls, wenn du schnellst fährst, viel größer ist, als wenn du langsam fährst. Und weil der nicht verloren gehen kann, macht dich das stabil. Das ist auch der Grund, warum es drei Zirkulationssysteme gibt. Gäbe es nur eins, würde Drehimpuls verloren gehen und das kann nicht sein.

Zuhause leben wir in der sogenannten Ferrellzelle. Aber jetzt sind wir in den Tropen und da sind wir in der Hadleyzelle.“

Ach ja, eigentlich ging es gar nicht ums Fahrradfahren, sondern ums Wetter.

„Beziehungsweise fahren wir gerade von der südlichen in die nördliche Hadleyzelle. Guck mal, die treffen sich hier.“, fuhr Laura fort und malte auch noch die südliche Hadleyzelle auf und kringelte den Treffpunkt ein.

„Oh je, da kommt ja von allen Seiten Luft angeweht.“, kommentierte ich das Bild. „Von Süden kommt welche und von Norden. Wo soll die denn hin?“

„Ja genau, wo soll die hin?“, echote Laura. „Nach unten ist der Ozean, links und rechts ist auch kein Platz, also kann sie nur nach oben ausweichen. Die Luft wird also zum Aufsteigen gezwungen. Genau diesen Bereich, wo die Luft aufsteigen muss, nennt man Intertropische Konvergenzzone oder kurz ITCZ.“

„Es ist quasi Bergsteigerluft. Sie klettert nach oben.“, sagte ich. „Ist die dann aus der Puste und verschwitzt von der Anstrengung?“

„Die Luft hier ist ja ziemlich warm und durch den Ozean auch sehr feucht. Darum ist es so schwül.“

„Ja, es ist wirklich schrecklich schwül.“, stimmte ich zu. „Dafür ist mein schöner Rattenpelz nicht gemacht. Da müsste man eher so ein Nacktmull sein, aber das will man ja auch nicht.“ (Kommentar aus dem Off: https://de.wikipedia.org/wiki/Nacktmull ;-))

„Wenn jetzt diese feuchtwarme Luft aufsteigen muss, wird sie kälter. Das kennst du doch von unserer letzten Bergbesteigung. Je höher man kommt, desto kälter wird es. Und oben liegt manchmal sogar noch Schnee und Eis.“

„Also mir ist eigentlich immer nur wärmer geworden, weil das so anstrengend war.“, meinte ich und stöhnte in der Erinnerung gleich nochmal.

„Die drei Meter, die du gelaufen bist, waren ja jetzt wirklich nicht so steil. Und den Rest hast du dich doch bequem im Rucksack tragen lassen… Jedenfalls wird die Luft kälter und kann dann nicht mehr so viel Wasserdampf aufnehmen. Aus dem gleich Grund siehst du im Winter kleine Atemwölkchen, im Sommer nicht.“

„Ok, es entstehen Wassertröpfchen. Die Luft schwitzt also. Kann man ja verstehen bei der Anstrengung, da hoch zu klettern. Viele Tröpfchen machen dann eine Wolke, oder?“, fragte ich.

„Genau. Es entstehen also richtig fette Wolken, es regnet kräftig und manchmal gibt es sogar Gewitter. In der ITCZ geht so richtig die Post ab.“

Das gefiel mir. Aber wenn ich nach draußen sah, ging da gar nichts ab, bloß drückende Schwüle…

„Abwarten.“, meinte Laura. „Das wird schon noch.“

„Und warum lässt du jetzt diese ganzen Luftballons steigen?“

„Du meinst die Wetterballons? Dadurch, dass wir alle drei Stunden eine Sonde steigen lassen, bekommen wir einen hübschen Querschnitt durch die ITCZ. Denn obwohl die ITCZ so viel Regen in den Tropen bringt, wissen wir gar nicht so viel darüber. Wir wissen beispielsweise nicht, wie sie sich von Tag zu Tag ändert, was ihre innere Struktur, Breite und genaue Position bestimmt und wie sie sich auf lange Sicht ändert, wenn das Klima wärmer wird. Mit solchen Querschnitten kann man diese Fragen dann beantworten.“

„Meinst du, ich kann mal mit so einer Sonde mitfliegen? Das wäre doch ein schöner Ausflug, dann wäre ich eine richtige Flugratte! Ich könnte das Meer und die Erde von oben sehen und dann wieder von ganz nah.“, fragte ich nach einer Pause.

„Und wie willst du dann zum Schiff zurück kommen?“, fragte Laura. „Je nachdem, wie windig es ist, landet eine Sonde über hundert Kilometer von ihrem Startpunkt entfernt im Wasser. Da musst du aber weit schwimmen. Und im Wasser gibt es Haie, giftige Quallen, hungrige Fische, hohe Wellen,… Wie sollten wir dich auf dem riesigen Ozean jemals wiederfinden?“

„Könnt ihr mich nicht mit so einer Hummel abholen kommen?“

„Was denn für ein Hummel?“, fragte Laura verwirrt.

„Na, wenn es ein Helideck gibt, gibt es doch bestimmt auch Hubschrummeln.“

„Das stimmt, es gibt zwei Hubschrauber, aber wir haben gar keine Piloten mehr an Bord. Auf der vorherigen Forschungsfahrt sind sie damit geflogen, aber gerade brauchen wir sie nicht. Deshalb sind die Helikopter jetzt aufgeräumt. Nein, Jette, eine Flugratte kannst du mit den Radiosonden nicht werden.“

Laura gähnte und sah auf die Uhr. „Es ist Zeit für die nächste Sonde.“

Nachmittags um fünf wurde der Himmel plötzlich schwarz und einige Minuten später fielen dicke Regentropfen auf das Beobachtungsdeck. Was für eine Erfrischung! Nur der Seemann, der gerade auf dem Deck entrostet hatte, war nicht sonderlich erfreut. Ich dagegen atmete erleichtert auf und legte einen kleinen Regentanz auf’s Parkett, während Laura an der Reling lehnte und die Wolken bewunderte.

„Schau, Jette, das ist die südliche Kante der ITCZ. Ist sie nicht schön?“, sagte sie.

„Schön ist vielleicht ein eigenartiges Wort für dunkelgraue Wolken. Aber es ist wirklich sehr erfrischend!“, rief ich fröhlich zurück.

 

Es wurde Abend, die Nacht brach herein und wir näherten uns dem Äquator. Wusstet ihr, dass der Äquator funkelt? Lauter Lichtblitze zuckten plötzlich durch das Wasser vor unserem Bug.

„Schaut mal, wie hübsch der Äquator glitzert!“, staunte ich auf der Brücke, wo wir gespannt auf den Moment der Äquatorüberquerung warteten. Wird es rumpeln? Wahrscheinlich werden wir danach viel schneller, weil es dann ja wieder bergab geht.

„Das ist noch nicht der Äquator.“, erklärte der wachhabende Offizier. „Das sind kleine leuchtende Wesen im Wasser. Die kann man nur im Dunkeln sehen. Man nennt das Biolumineszenz.“

„Cool!“, meinte ich.

Um 23 Uhr war es so weit. Wir passierten den Äquator. Drei, zwei, eins, Achtung festhalten!

Schon vorbei. Kein Rumpeln, kein Leuchten, wir hatten nicht mal eine Delle in den Äquator gefahren und Neptun war diesmal auch nicht aufgetaucht, wie er das ja häufig zu tun pflegt, wenn ein Schiff den Äquator überquert.

Vor unserer nächsten Sonde statteten wir der Messe noch einen Besuch ab. Ein Käsebrot war jetzt kurz vor Mitternacht genau das richtige. Laura holte die Aufschnittplatte aus dem Kühlschrank und wir machten eine schreckliche Entdeckung: Es war war nur noch eine Scheibe Käse da!

„Ich will den Käse!“, rief ich und griff schnell danach.

„Kommt nicht in Frage. Du hattest vorhin schon voll viel Käse! Jetzt will ich den Käse.“, schimpfte Laura und schubste mich von der Platte weg.

„He, ich bin eine Ratte! Ich habe ja wohl das Käseessvorrecht!“

„Hast du überhaupt nicht!“

Wir stritten uns eine Weile, dann bekam ich die Käsescheibe zu fassen und biss herzhaft hinein. Bei Lauras Gesichtsausdruck musste ich lachen, aber sie zischte nur wütend.

„Weißt du was? Du bist echt unerträglich, wenn du so müde bist. Dann gönnst du mir nicht mal die letzte Scheibe Käse.“

„Das tu ich doch sonst auch nicht.“, wandte Laura ein.

„Das stimmt zwar.“, gab ich zu. „Aber so geht das nicht weiter. Du gehst jetzt sofort ins Bett und ich starte die nächste Sonde für dich. Ich habe dir oft genug dabei zugeschaut und geholfen, ich kriege das schon hin.“

„Bist du sicher?“, fragte Laura und gähnte noch einmal herzhaft.

„Absolut.“, meinte ich, woraufhin Laura mir noch ein Brötchen mit Schokoladencreme bestrich, alles andere wieder aufräumte und sich glücklich in ihr Bett fallen ließ.

Tag 27 (Kapverden)

Das Leben auf dem Schiff ist inzwischen schon richtig eingegroovt und die Tage verfliegen beinahe unbemerkt. Doch Orientierung bieten, sowohl im Tages- als auch im Wochenverlauf, die Mahlzeiten. Der Tag beginnt mit dem Frühstück um 7.30 Uhr. Wie ihr euch vorstellen könnt, verschläft Laura das Frühstück regelmäßig, vor allem als sie so viele Luftballons steigen ließ. Ich hingegen verpasse das Frühstück niemals.

Nach dem Frühstück gehen wir normalerweise erstmal in die Bordwetterwarte und machen einen Plan für den Tag. Laura überprüft ihre Mails und stöhnt jeden Morgen, wenn die Anzahl der ungelesenen Nachrichten erscheint. Momentan sind wir drei Stunden „hinter der Zeit in Deutschland zurück“. Wir sind in einer anderen Zeitzone, weil wir uns weiter im Westen befinden und darum die Sonne bei uns später auf- und untergeht. Die Zeit von Sonnenauf- und Untergang hängt nämlich davon ab, auf welchem Längengrad man sich befinden, also wie weit im Osten oder Westen. Damit es trotzdem tagsüber hell ist und nicht zum Beispiel von Mitternacht bis zum Mittagessen, gibt es auf der Erde ganz verschiedene Zeitzonen. Wenn man nach Osten reist, muss man seine Uhr vor stellen, nach Westen muss man sie zurück drehen. Lauras Kolleg:innen in Deutschland haben also drei Stunden Vorsprung im Vergleich zur Schiffszeit und dementsprechend schon vor drei Stunden zu arbeiten begonnen. In drei Stunden konnte man viele Mails schreiben…

Als nächstes guckt Laura nach ihren Messgeräten. Die hat sie letztes Jahr zusammengeschraubt, als wir uns in der Werkstatt im AWI kennengelernt haben. Um zu sehen, wie es ihren Geräten geht, schaut sie als erstes am Computer nach, ob die Daten angekommen sind. Dann geht sie auf das obere Peildeck, um nachzusehen, ob dort alles in Ordnung ist. Wenn das Wetter gut ist, begleitet ich sie dabei manchmal.

„Wonach schaust du denn da immer?“, wollte ich heute von ihr wissen.

„Ich sehe nach, ob alles an Ort und Stelle ist, etwas lose wirkt oder klappert, ob es innen feucht ist und ob die Pumpe läuft.“, antwortete sie.

„Und, läuft die Pumpe?“

„Na, die kannst du doch summen hören.“

In der Tat machte die linke Box ein Geräusch wie ein röchelndes Walross mit Schnupfen. Aber die rechte Box war ganz leise, so leise wie ein Stachelrochen.

„Diese Box macht gar kein Geräusch.“, stellte ich fest.

„Das stimmt leider. Die hat einen kleinen Hitzschlag, wenn hier die Sonne so drauf knallt.“, meinte Laura und guckte etwas verstimmt.

„Eine Box kann einen Hitzschlag bekommen?“

„Ja, wenn es zu warm in der Kiste wird, schaltet sie sich automatisch ab, damit die Geräte, die darin verbaut sind, nicht kaputt gehen.“

„Und warum ist der linken Box nicht auch zu warm?“, wollte ich wissen.

„Das ist eine neuere Version. Die hat eine Klimaanlage.“

„Kannst du sie mal aufmachen? Was kann die denn alles so?“

Laura öffnete die Tür der Kiste und ich sprang hinein.

„Die misst Spurengase und Aerosole. Aerosole, das sind kleine Teilchen in der Luft. Hier über dem Meer sind zum Beispiel viele Salzkristalle vorhanden. Aber genauso können wir damit Ruß messen und anderen Dreck, beispielsweise von Abgasen durch Schiffe.“

„Also können wir sehen, was die Polarstern so auspustet?“

„Unsere eigenen Abgase sehen wir nur, wenn der Wind dafür passend steht. Meistens haben wir ja Fahrtwind von vorn und der Schornstein ist hinten, sodass wir unsere Abgasfahne nur ganz selten messen.“

„Und was sind das für komische blaue Dinger?“, fragte ich.

„Das sind die Spurengassensoren. Spurengase sind nur in ganz geringen Mengen in der Luft vorhanden, trotzdem haben sie einen großen Einfluss auf unser Klima. Wir messen hier zum Beispiel Kohlendioxid. Der Anstieg von CO2 in der Atmosphäre ist einer der Gründe dafür, dass unser Klima gerade immer wärmer wird.“

Laura zeigte auf den Sensor und schaute bekümmert drein.

„Ja, das ist alles sehr deprimierend mit dem Klimawandel, aber darum brauchst du doch nicht gleich so eine Trauerschnute zu ziehen.“, meinte ich.

„Ich ziehe gar keine Trauerschnute. Ich bin frustriert. Diese Gassensoren messen nämlich schon die ganze Reise über nur Grütze.“

„Was denn für Grütze? Rote Grütze oder Buchweizen-Grütze oder Hafer-Grütze?“

„Ne, nicht so eine Grütze. Die Sensoren messen halt Quatsch. Die Werte sind viel zu hoch. Wenn die recht hätten, würden wir alle direkt tot umfallen, weil die Luft vergiftet ist. Aber uns geht es ja gut, also messen die Sensoren Unsinn. Vielleicht ist ihnen die Luft zu feucht oder sie sind zu kalt oder zu warm. Man weiß es nicht. Das hängt von vielen Faktoren ab. Leider können wir da jetzt gar nichts machen. Wenn wir zuhause sind, müssen wir uns aber mit diesem Problem beschäftigen.“

Laura hob mich oben auf die Kiste und schloss die Tür.

„Hier oben, das ist die Wetterstation. Die misst Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Druck und Wind.“, fuhr sie fort.

„Warum hat die denn so ein lustiges Haus?"

„Das ist, damit sie gut belüftet ist und sich nicht die Hitze staut. Komm, jetzt ist es aber Zeit für den Kaffee.“

Das ist wahr. Pünktlich um 10 ist nämlich immer Kaffeepause. In dieser Zeit ist es ratsam, niemanden von der Besatzung wegen Arbeitsaufgaben anzusprechen. Sonst erntet man einen angesäuerten Blick. Laura fällt das allerdings leicht, denn sie macht einfach um 10 Uhr auch eine Kaffeepause und kommt so gar nicht in die Versuchung.

20 Minuten später geht alles weiter seinen geregelten Gang. Laura wollte eine Antenne testen und baute eine Stromversorgung über das halbe Peildeck auf. Dann befestigte sie alles mit Kabelbindern und baute aus Plastiktüten einen Regenschutz.

„Das sieht aber nicht sehr professionell aus.“, kommentierte ich ihre Aktivitäten.

„Ach, halt die Klappe.“, grummelte sie, während sie ein Kabel aus dem Weg räumte. Wenn das Wetter gut ist, testet sie andauernd irgendwas. Die Antenne, den Trockner, einen anderen Trockner, verschiedene Standorte für die Antenne,… Fragt mich nicht.

Zum Glück war es schon bald Mittagszeit. Wie ihr euch vorstellen könnt, war ich immer pünktlich um 11.30 Uhr in der Messe. Messe, so heißt die Kantine an Bord. Hier findet sich immer etwas Essbares.

Am Mittagessen kann man den Wochentag erkennen. Das ist praktisch, denn sonst verliert man schnell mal den Überblick. Sonntags und Donnerstags gibt es immer Eis zum Nachtisch, denn Donnerstag ist Seemannssonntag. Freitags gibt es Fisch und Samstags Eintopf.

Einmal bin ich in der Sonne auf dem Liegestuhl eingeschlafen und habe das Essen verpasst. Macht nichts, dachte ich, ich hol mir einfach was in der Kombüse, der Schiffsküche. Das war aber keine gute Idee. Kaum hatte ich eine Pfote da rein gesetzt, rief schon der Koch: „Eine Ratte in der Kombüse!“

Ich wusste gar nicht, was sein Problem war. Hatte der Mensch noch nie „Ratatouille“ gesehen? Spätestens seitdem sollte doch jeder wissen, wie gut Ratten und Küchen zusammenpassen. Trotzdem legte ich es lieber nicht darauf an, ihm das zu erklären, sondern machte schleunigst, dass ich wegkam, da er mit diesem riesigen Messer herumfuchtelte.

Nach dem Mittag gab es noch eine kleine Pause. Laura nutzte sie heute, um in den Pool zu springen. Der Pool ist eigentlich ein mit Folie ausgekleideter Container, in den eine Pumpe Meerwasser pumpt. Inzwischen ist das Wasser nicht mehr ganz so warm, sondern erfrischend. Und weil Laura manchmal unverschämtes Glück hat, sind ausgerechnet, als Sophia und sie im Pool abhingen, zwei Delphine vorbei geschwommen.

Nach der Mittagspause tat Laura weiter das, was sie eben den ganzen Tag so tut, tippte auf ihrem Laptop rum und guckte ernsthaft. Das war wirklich alles sehr langweilig! Ich machte lieber eine Erkundungstour durch das Schiff.

An Deck sind bei gutem Wetter ganz viele Leute mit Beautymaßnahmen für den Polarwal beschäftigt. Da wird entrostet, gemalert und repariert. Das alles ist nötig, damit die Polarstern gut erhalten bleibt und nicht unter all dem Salzwasser wegrostet.

„Was machst du da?“, fragte ich den alten Seebären Ekki, der mit einem Wasserschlauch die Wand abspritzte.

„Ich wasche Farbe.“, antwortete er.

„Warum wäscht du denn Farbe? Eigentlich wäscht du doch die Wand.“

„Ja schon, aber ich wasche das Salz ab. Und jetzt wasche ich eine Ratte.“, meinte er und spritzte mich von oben bis unten nass.

„Uiii!“, quickte ich. Zur Rache schüttelte ich direkt vor ihm mein Fell aus, sodass ihm ganz viele Tropfen ins Gesicht spritzten.

Zum Trocknen legte ich mich auf das Helideck in einen Sonnenstuhl. Das Leben könnte schlechter sein.

Um 15.30 Uhr kehrte plötzlich Ruhe ein, die Maschinen wurden überall ausgestellt, die Pinsel zur Seite gelegt und die Laptops zugeklappt, denn es war Zeit für die Kaffeepause. In der Messe wartete ein frisch gebackener Nusszopf. Lecker!

Jetzt waren es nur noch anderthalb Stunden bis zum Abendessen. Ich schaute bei Laura in der Bordwetterwarte vorbei, doch die machte immer noch etwas am Computer.

Also ging ich runter ins große Nasslabor, einem großen Raum mit vielen Waschbecken, von denen einige Wasserhähne Seewasser ausspucken. Momentan ist dort die Tischtennisplatte aufgebaut.

Es findet nämlich gerade ein sportliches Großereignis auf der Polarstern statt. Dagegen sind die olympischen Spiele ein Klacks. Hier wird nämlich gerade das Polarstern-Tischtennisturnier ausgetragen. Gerade wurden die Halbfinale ausgespielt und der Ball flitzte nur so über die Platte. So schnell konnte ich gar nicht gucken. Päng, päng, päng, Netz! War das spannend! Am Ende standen die Finalisten fest.

Zum Glück war es nun auch Zeit für das Abendessen.

Es wurde Abend, die meisten waren mit ihrer Arbeit fertig und der gesellige Teil des Tages begann. Man kann Sport machen, Tischtennis spielen, einen Film anschauen, den Sonnenuntergang bewundern, in den Pool springen, Karten spielen, mit der Familie zuhause telefonieren und was einem eben noch so einfällt. Wir entschieden uns heute für ein Feierabendgetränk auf dem Arbeitsdeck zusammen mit Yvonne und einigen Leuten der Besatzung. Es wurde ein lustiger Abend, doch kein sehr langer, denn alle mussten ja am nächsten Morgen früh raus.

Tag 32 (vor Marokko)

Laura hatte mir ja erzählt, dass von der Brücke aus das Schiff gesteuert wird. Das wollte ich gern mal sehen.

Um zur Brücke zu kommen, musste ich ziemlich viele Treppen hoch klettern, denn die Brücke ist ganz oben. Ich schlüpfte durch die schwere Tür und schon war ich im Gehirn des Wals. Rund um die Uhr hat dort einer der Offiziere Wache. Alle vier Stunden wechseln sie sich ab.

Gerade war auch der Kapitän da und unterhielt sich mit dem wachhabenden Offizier. Die beiden waren so ins Gespräch vertieft, dass sie gar nicht merkten, wie ich durch den Raum flitzte und mich im Kompass versteckte. Trotz meiner stattlichen Wetterrattengröße kann ich nämlich vollkommen lautlos und blitzschnell sein, wenn ich will. Vom Kompass hat man eine gute Aussicht in den Raum. Nachdem ich immer noch nicht bemerkt worden war und die beiden Menschen weiterhin bei den Seekarten herum hantierten, sprang ich mutig aus meinem Versteck und sah mich um.

Überall sind Fenster, sodass man wirklich einen guten Ausblick hat. Außerdem gibt es jede Menge Knöpfe und Hebel, Telefone, Anzeigen, Monitore,… Ich schnappte mir einen Telefonhörer und flüsterte:

„Hallo, jemand da?“

Niemand antwortete mir. Anscheinend war gerade kein Schiff in der Nähe, mit dem ich eine Unterhaltung über Funk hätte führen können. Wo konnte man wohl Durchsagen durch das Schiff machen? Es wäre doch ganz lustig, anzusagen, dass es auf dem Helideck Schokolade gibt. Dann laufen da alle hin, treffen sich und sind verwirrt.

Ich kletterte auf den Tisch in der Mitte des Raums und hatte gleich vergessen, dass ich eigentlich eine Durchsage machen wollte. Boah! Hier gab es ja noch viel mehr Knöpfe und Hebel!

Mit dem Lenkrad konnte man bestimmt das Schiff steuern. Ich drehte es versuchsweise kräftig nach steuerbord, also nach rechts.

Eine Lampe fing an zu blinken und ein schriller Alarmton hallte durch den Raum.

„Was machst du denn da?“, fragte der Kapitän den wachhabenden Offizier.

„Ich? Ich mach gar nichts! Ich stand doch die ganze Zeit direkt neben dir. Aber was war denn das?“, antwortete der und hantierte ein bisschen an einem Steuerknüppel, bis das Schiff wieder auf Kurs war. Aha, anscheinend kann man auch damit die Richtung des Schiffs lenken.

„Seltsam.“, meinte der Offizier und kehrte zum Kapitän und den Seekarten zurück.

Dieser Hebel dort sah auch ziemlich interessant aus. Mit meinem ganzen Gewicht lehnte ich mich dagegen. Die Motoren heulten auf. Anscheinend hatte ich das Gaspedal gefunden.

Wieder schrillte ein Alarmton durch den Raum.

„Hä, warst du das?“, fragte der Offizier den Kapitän verwirrt.

„Nein, natürlich nicht. Was machst du denn da die ganze Zeit mit dem Schiff?“

„Ich mach überhaupt nichts, ich hab doch mit dir auf die Karte geschaut!“, rechtfertigte sich der Offizier.

Oh, das fing an, richtig Spaß zu machen. Wahrscheinlich fühlte sich so auch ein Kobold bei seinen Streichen.

Und hier gab es ja auch so viele Knöpfe. Was passierte eigentlich, wenn man die drückte? Am besten, ich fing mit diesem schönen roten unter der Abdeckung da an.

Vorsichtig schlich ich mich hin und streckte meine Pfote aus. Da packte mich plötzlich jemand am Rückenfell und im nächsten Moment befand ich mich Auge in Auge mit einem ziemlich zornig blickenden Kapitän, der mich vor sich in der Luft hielt.

„Pfoten weg vom Notausknopf für die Maschine!“, knurrte er. „Das Schiff steuern und Knöpfe drücken dürfen ausschließlich die Nautiker und keine frechen Ratten! Für sowas gibt es absolutes Messebetretungsverbot!“

Das war ja furchtbar! „Oh nein, bitte kein Messebetretungsverbot!“, flehte ich erschrocken.

„Na gut, heute hast du nochmal Glück. Aber lass dir das eine Lehre sein! Du kannst nicht einfach an irgendwelchen Hebeln ziehen und irgendwelche Knöpfe drücken. Das hier ist ein Schiff und kein Spielplatz! Da kann alles mögliche passieren! Wenn das nochmal vorkommt, gibt es nur noch trockenes Brot für dich zu essen. Und jetzt raus mit dir!“

Mit diesen Worten setzte mich der Kapitän vor die Brückentür.

Puh, da hatte ich ja gerade nochmal Glück gehabt. Apropos Messebetretungsverbot - war jetzt nicht Kaffee- und Kuchenzeit? Ich sah mich um, ob jemand in der Nähe war, und hüpfte die steilen Stufen hinunter. Man soll an Bord nämlich nicht hüpfen und auch nicht rennen. Meine Rattennase zuckte voller Vorfreude. Das roch nach Brownie.

Als ich in der Messe ankam, stellte ich fest, dass auf meine Nase Verlass war. Frisch gebackene Brownies und eine Tasse Kakao auf den Schreck und schon fühlte ich den Griff des Kapitäns nicht mehr im Nacken.

Ich traf Laura in der Messe, als sie sich gerade ihren Teller mit Kuchen belud.

„Na Jette, hast du heute etwas Aufregendes erlebt?“, fragte sie, während sie es sich auf dem Sofa im Roten Salon bequem machte.

„Nein, heute ist überhaupt nichts passiert. Es war alles total langweilig.“, log ich.

Gut, dass Laura den strengen Blick des Kapitäns, der gerade in ihrem Rücken zu mir herüber sah, nicht bemerkte.

Tag 36 (vor Spanien und Südfrankreich)

Heute Mittag schaute ich Laura eine Weile dabei zu, wie sie versuchte, ein Programmierproblem zu lösen. Sie wollte nämlich die aktuellen Messungen auf einem Bildschirm darstellen, sodass man immer nachgucken konnte, wie die Luft gerade zusammen gesetzt war. Allerdings hatte diese Datendarstellung immer nach fünf Minuten eine Gedächtnislücke und vergaß die Abbildung, die sie eigentlich anzeigen sollte. Dabei konnte man ja nur müde werden. Ich beschloss, mir ein nettes Fleckchen für ein Schläfchen zu suchen.

Eine passende Stelle fand sich direkt auf dem Arbeitsdeck. Dort stand nämlich ein schön orangenes Schlauchboot in der Sonne. Ruckzuck kletterte ich hinein und machte es mir gemütlich. Keine zwei Minuten später war ich eingeschlafen.

Ich erwachte davon, dass mein Bett wackelte und schlug die Augen auf. Über mir kniete der Schiffsmechaniker Robert in einem neon gelben Anzug und griff nach einem riesigen Haken, der an einem Kran hing. Mit Schrecken stellte ich fest: Nicht nur der Haken, sondern das ganze Boot hing am Kran und der bewegte es jetzt über die Reling und setzte es sanft auf dem Wasser ab.

Ich rappelte mich auf und stellte fest, dass sich drei Menschen im Boot befanden. Beim Versuch, einen Blick über den Bootsrand zu werfen, um zu sehen, was hier vor sich ging, entdeckte mich Robert.

„Was machst du denn hier?“, flüsterte er.

„Ich schlafe hier. Aber was tut ihr hier? Werden wir ausgesetzt? Müssen wir jetzt nach hause paddeln?“

„Quatsch. Wir sammeln ein Argo-Float ein. Halt dich besser fest, du hast gar keine Schwimmweste an!“

„Ihr sammelt einen Astronaut ein?“, fragte ich verwirrt und klammerte mich panisch an einer Leine fest, als der Matrose am Steuer Gas gab. Eine Welle spritzte ins Boot und mein Fell wurde nass.

Robert schnappte sich eine Rettungsleine und band ein Ende an mein Bein, das andere ans Boot.

„Jetzt bleibst du still hier sitzen, bis wir wieder im Schiff sind.“

Wir machten eine scharfe Kurve und steuerten auf ein Treibgut zu, das die Menschen mithilfe einer langen Stange ins Boot zogen. Es sah aus wie eine sehr große Flasche. Schon ging es zurück zum Schiff und der Kran zog uns hoch bis wir wieder auf dem Arbeitsdeck standen, genau an der Stelle, an der ich vor fünf Minuten noch friedlich meinen Mittagsschlaf gehalten hatte. War das etwa alles nur ein wilder Traum gewesen? Doch mein Fell war nass, neben mir lag die eigenartige längliche Riesenseegurke, die wir aus dem Wasser geholt hatten, und Robert kletterte aus dem Boot, hob mich heraus und drückte mich Laura in die Hand.

„Jette, was machst du denn für Sachen?“, fragte diese erschrocken und rieb mein Fell mit ihrem T-Shirt trocken. „Du hättest über Bord gehen können!“

„Wir haben einen Astronauten geborgen!“, erklärte ich ihr stolz.

„Ein Argo-Float habt ihr geborgen. Aber was um alles in der Welt hattest du in diesem Boot zu suchen?“

„Ich habe dort einen Mittagsschlaf gemacht. Man kann darin sehr bequem in der Sonne liegen. Kann ich ja nicht ahnen, dass das Boot plötzlich losfährt.“, erklärte ich.

„Und auf die Idee, dass das Boot da nicht zur Deko steht, bist du wohl nicht gekommen?“

„Nö. So ein Boot ist doch sehr dekorativ, das kann man schon mal auf’s Arbeitsdeck stellen. Findest du nicht?“

Laura seufzte: „Du bist schlimmer als ein Sack Flöhe, weißt du das?“

Frechheit! Flöhe und Ratten kann man überhaupt nicht vergleichen! Das eine sind sprunghafte Nervbeißkrabbeltiere. Kennt ihr zum Beispiel den nördlichen Rattenfloh? Ekelhaft! Das andere sind gepflegte Nager in hübschem Pelz mit erheblicher Intelligenz.

„Was sind denn nun diese Argo-Floats?“, wollte ich wissen.

„Das fragst du am besten einen der Meereswissenschaftler hier an Bord.“, schlug Laura vor.

Ich suchte mir einen freundlich drein blickenden Meeresforscher aus und fragte ihn nach den Argo-Floats. Er erklärte mir Folgendes:

Es schwimmen etwa 4000 solcher Messtreibkörper in den Ozeanen. Sie werden von Forschungsschiffen überall ausgesetzt und treiben dann mit den Meeresströmungen umher und sammeln Daten. Sie schwimmen aber nicht nur auf der Oberfläche, sondern tauchen bis zu 6000 Meter in die Tiefe. Das ist so tief wie unsere CTD eintauchen kann. Neben der Strömung messen sie Temperatur, Druck und Salzgehalt. Nach einiger Zeit tauchen sie wieder auf um die Daten, die sie gesammelt haben, nach hause zu senden. Danach gehen sie wieder auf Tauchstation. Nach ein paar Jahren wird das Float wieder eingesammelt. Und genau so ein Argo-Float haben wir heute aufgelesen.

Ich schaute mir das Teil mal von Nahem an. Es war ungefähr so hoch wie ein Pferd, aber lang und dünn. Eigentlich sah es aus wie eine lange Flasche.

Ich gähnte. Nach dieser Aufregung war es höchste Zeit, meinen Mittagsschlaf zu Ende zu führen. Diesmal machte ich es mir aber lieber in einem Rettungsring bequem. Nicht, dass mich wieder irgendjemand ungefragt in ein nasses Abenteuer hob.

Tag 40 (Bremerhaven)

Heute Nacht weckte mich ein Ruckeln und Brummen, anders als die Geräusche der letzten Wochen. War der Rieseneiswal etwa krank? Vorsichtig kletterte ich aus dem Bett und zum Fenster, wo mich ein überraschender Anblick erwartete: da war eine halbe Straße, die einfach im Nichts endete und wir schoben uns ganz langsam an ihr vorbei.

Laura gab ein grunzendes Geräusch von sich, setzte sich im Bett auf und suchte ihre Brille.

„Ah, wir fahren aus der Bremerhavener Schleuse raus.“, murmelte sie verschlafen.

„Aus der Schleuse? Was denn für eine Schleuse?“

„Die Schleuse in den Hafen in Bremerhaven. Du weißt schon, die, wo wir letzten Herbst mal mit dem Fahrrad hin gefahren sind. Sie sorgt dafür, dass aus dem Hafen nicht das Wasser raus läuft, wenn Ebbe ist. Sie ist quasi eine Absperrung für das Wasser, damit die Schiffe nicht plötzlich stranden. Im Grunde besteht sie einfach aus zwei Toren, die sich hintereinander befinden, sodass dazwischen ein Wasserbecken ist. Erst wird das Tor zum Meer geöffnet, sodass wir bei hohem Wasserstand hineinfahren können. Dann schließt sich das Tor hinter uns und der Pegelstand im Becken wird an das Hafenbecken angepasst. Es ist quasi ein Aufzug für Schiffe. Wenn das fertig ist, geht das innere Tor auf und wir können in den Hafen fahren. Das machen wir grad.“ Sie gähnte und legte sich wieder hin.

„Hä, aber warum haben die denn da so eine halbe Straße hin gebaut?“, wollte ich wissen.

„Man kann über das Schleusentor mit dem Auto drüber fahren, wenn es geschlossen ist. Jetzt ist es aber gerade offen, darum ist die Straße unterbrochen. Und jetzt halt die Klappe, ich will noch ein bisschen schlafen.“

Keine fünf Minuten später war Laura wieder eingedöst. Ich konnte aber nicht schlafen. Ich war zu aufgeregt. Laura hatte gesagt, der Abstiegstag ist immer der schwierigste der ganzen Reise. Was meinte sie wohl damit?

Ein paar Stunden später fand ich es heraus. Auf dem Schiff war das reinste Chaos ausgebrochen! Alle liefen kreuz und quer. Die Offiziere hatten ihre Uniformen an, sodass man sie fast nicht erkannte, so seriös sahen sie aus. Die Decksleute hatten alle Hände voll zu tun, die Fracht zu den Kränen zu bringen, der Lageroffizier diskutierte mit der Planungs- und Organisationsverantwortlichen von Land, ein Matrose führte eine Liste über jeden, der kam und ging, Werftarbeiter begannen, den Boden mit Platten auszulegen, Leute vom Alfred-Wegener-Institut kamen an Bord, um Geräte abzubauen,…

Nach dem Frühstück kam Lauras Kollege. Zusammen wickelten sie noch schnell ihr zweites Messinstrument in Folie ein und sie gab ihm einen Kurzbericht der letzten Wochen. Seltsamerweise erwähnte sie dabei nur die langweiligsten Sachen. Sie sagte kein Wort von unseren Erlebnissen, sondern sowas wie: „Die Verschlauchung müssen wir noch verbessern und hier hat sich etwas Rost gebildet. Nachdem ich die Einstellungen verändert hatte, hat das Kühlen ganz gut funktioniert, bei Windstärke 8 hat der Gaseinlass ziemlich gewackelt,…“ Blablabla.

Was laberte die denn da? Warum erzählt sie denn nichts von unseren spannenden Abenteuern, zum Beispiel wie wir ins Innerste des Wals geklettert sind oder versucht haben, eine Riesenseeschlange zu fangen? Immerhin schien sie nach diesem Monolog endlich halbwegs wach zu sein und wir drehten eine letzte Runde durch’s Schiff, um uns von allen zu verabschieden.

Mit so vielen Leuten an Bord wirkte die Polarstern ganz anders. Es war in dem ganzen Trubel erstaunlich schwierig, unsere Reisegefährten der letzten Wochen zu finden.

„Hoffentlich können wir mal wieder mit euch fahren!“, sagte Laura und: „Vielen Dank für eure Hilfe und Unterstützung und für die gute Zeit mit euch!“ Sie guckte dabei traurig und froh gleichzeitig. Traurig, weil wir jetzt gehen mussten und froh, weil wir eine so gute Reise gehabt haben.

Die Besatzung antwortete: „Macht’s gut!“ und „Bis bald mal!“

Ich rief: „Ahoi!“ und klopfte dem Rieseneisbrecherwal freundschaftlich auf die Rückenflosse, den Mast. „Jetzt musst du ohne Schiffsratte auskommen. Ob das wohl gut geht? Ein ordentliches Schiff braucht doch auch eine ordentliche Schiffsratte. Nicht, dass eine dumme Landratte den Job übernimmt. Oder noch schlimmer: eine Maus! Ein Schiff wie die Polarstern braucht auf jeden Fall eine Wetterratte als Schiffsratte, eine echte Seeräuberratte wie mich. Vielleicht sollte ich besser hier bleiben…“ , überlegte ich laut.

„Kommt nicht in Frage!“, sagte da der Kapitän, der gerade bei uns vorbei kam. „Ratten dürfen sich nur in Ausnahmefällen und in Begleitung an Bord aufhalten und Laura steigt ja heute ab. Also ab nach hause mit dir. Eine Reise voller Rattengeschichten reicht. Davon müssen wir uns erstmal erholen.“

„Aber du gibst den Schiffsrattenjob nicht irgendeiner lausigen Maus? Das musst du mir versprechen! Das kannst du so einem schönen Rieseneiswal wie der Polarstern nicht antun!“, fragte ich den Kapitän.

Er lachte. „Ich verspreche es. Wir nehmen keine Mäuse an Bord. Und wenn Laura das nächste Mal mitfährt, kannst du wieder unsere Schiffsratte sein.“

„Abgemacht.“, sagte ich und streckte ihm meine Pfote entgegen. Wir schüttelten Hand und Pfote.

„Macht’s gut!“, sagte er.

„Du auch! Immer gute Fahrt und eine handbreit Wasser unter dem Kiel!“, antwortete ich wie man das als Schiffsratte macht.

Laura setzte mich auf ihre Schulter und sagte: „Vielen Dank für alles! Eine stressfreie Werftzeit und hoffentlich bis bald!“ 

Wir gingen zur Gangway, über die man das Schiff verlässt.

Laura zuckte traurig mit den Schultern: „Man erwischt nie alle beim Verabschieden. Dafür ist der Abstiegstag immer zu chaotisch und jetzt sind wir ja auch noch in der Werft, da ist es noch trubeliger. Aber wir lassen den anderen Grüße ausrichten.“

Ich drehte mich um und winkte dem Rieseneiswal ein letztes Mal zu, dann brachte Lauras Kollege uns nach hause.

Passenderweise empfing uns Bremerhaven mit Nieselregen. „Willkommen zuhause.“, kommentierte Laura lakonisch.

Um halb zwölf bekam ich großen Hunger. Schließlich war es Mittagessenszeit. Doch zu meinem Entsetzen stellte ich fest, dass überhaupt nichts zu Essen da war. Laura musste erst noch einkaufen gehen. Sie seufzte und rappelte sich vom Sessel auf. Dann dachte sie lange nach, was man zum Einkaufen gehen alles braucht. Sie suchte ihr Geld, ihren Schlüssel, eine Tasche,… Es dauerte ewig.

„Du läufst lustige Schlangenlinien.“, sagte sie zu mir auf dem Weg zum Laden.

„Ich schlängle doch nicht wie ein Reptil, ich laufe im Seemannsgang wie eine echte Schiffsratte heimgekehrt von langer Fahrt.“, erklärte ich ihr.

Laura starrte auf die fremden Menschen, die hektisch durch die Gegend liefen und deren Namen sie nicht kannte, auf die Autos, auf die Auswahl im Supermarkt. Sie brauchte ewig, um sich zu entscheiden, was es zu essen geben sollte. Dann lief sie fast gegen einen Fahrradfahrer, der auf der falschen Seite den Radweg entlang schoss, machte einen Sprung nach hinten und rempelte dabei aus Versehen eine Rentnerin an.

„Ist das stressig.“, stöhnte sie, als wir es nach hause geschafft hatten. „Und morgen werde ich an meinem Schreibtisch im Büro sitzen, meine Emails anstarren, in Meetings rumhängen und mich fragen, was ich hier eigentlich tue. Ich schlittere geradewegs ins Postkampagnenloch hinein. Nach so einer Expedition fällt es mir immer schwer, wieder im Alltag anzukommen. Da bin ich erstmal eine Weile müde, schlecht gelaunt und etwas verwirrt.“

„Ich weiß, was dagegen hilft!“, rief ich. „Dagegen hilft heiße Schokolade. Mit Kuchen. Um halb vier gibt es schließlich immer Kuchen.“

„Wir haben keinen Kuchen.“, meinte Laura verdrießlich und holte die Milch aus dem Kühlschrank. „Aber heiße Schokolade ist jetzt genau das richtige, da hast du recht.“

Wir stellten die Gartenstühle in den Garten, denn die Sonne kam doch noch heraus. Mit unseren Tassen saßen wir zwischen den ganzen Blumen, die in den letzten fünf Wochen heimlich gewachsen waren, schnupperten ihren Duft, schlürften unsere heiße Schokolade und knabberten alte Kekse, die Laura noch in irgendeiner Schublade gefunden hatte.

Leise summte ich ein Seemannslied vor mich hin: „I wish I was a ship’s rat onboard the Polarstern…“