Wie alles begann...
Hallo, hallo, hallo! Ich bin Jette. Ich bin eine Wetterratte. Ich kann förmlich riechen, wie ihr denkt: „Iiihh, eine Ratte!“ Aber hört mal: Ratte ist nicht gleich Ratte. Klar, manche Ratten leben in Müll und Dreck, aber es gibt andere, die einem guten Bad, leckerem Essen und einer Wanderung in schöner Natur viel abgewinnen können. Es ist eben wie bei euch Menschen: auch wir Ratten sind nicht alle gleich. Es gibt Stadt-, Wasser- und Landratten, Haus- und Erdratten und ich bin eben eine Wetterratte.
Vermutlich seid ihr einer Wetterratte noch nie begegnet, denn es gibt nicht viele von uns. Genau genommen habe ich noch nie eine andere Wetterratte getroffen, obwohl ich schon lange auf der Suche nach einer Artgenossin oder einem Artgenossen bin. Ich habe aber Gerüchte gehört, von Rattenohr zu Rattenohr weitergeflüstert. Gerüchte über eine Wetterratte, die die Kälte liebt. Sie soll irgendwo im Eis wohnen, dort wo es sehr kalt ist und die Welt nur aus Blautönen besteht. Genaueres konnte ich aber bisher nicht herausfinden, aber ich will sie unbedingt finden! Solltet ihr ihr je begegnen, lasst es mich unbedingt wissen!
Jetzt fragt ihr euch natürlich, wie ihr erkennen könnt, dass ihr es mit einer Wetterratte zu tun habt. Ganz einfach: Wetterratten können das Wetter riechen. Wenn es Schnee gibt, kitzelt es in meiner Schwanzspitze. Mit meiner feinen Wetterrattennase kann ich mindestens zehn Arten von Regen unterscheiden. Außerdem sind Wetterratten im Allgemeinen etwas größer als normale Ratten. Und wir können Menschensprache sprechen.
Ich wohne bei Laura. Laura ist Physikerin. Seit 2024 arbeitet sie am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Dort erforschen ganz viele Leute die Polarregionen, also die Arktis und die Antarktis. Lauras Arbeitsgruppe heißt „Polarmeteorologie“, das ist das Wetter in den Polargebieten. Die Leute in dieser Gruppe beschäftigen sich besonders mit dem untersten Teil der Atmosphäre, ungefähr den untersten drei Kilometern. Am Alfred-Wegener-Institut gibt es ganz verschieden Fachrichtungen, nicht nur Physik. Es gibt auch Biologie, Chemie, Geologie, überhaupt alle Arten von Geowissenschaften, das sind Wissenschaften, die sich mit der Erde und der Natur beschäftigen.
Im Keller vom Gebäude G des Alfred-Wegener-Instituts habe ich Laura eines Tages kennen gelernt. Ich lebte nämlich dort in einer Alukiste, in der Isoliermaterial aufbewahrt wurde. Es war ein wenig trostlos dort, kann ich euch sagen. Vor allem, weil es in diesem Keller vor Mäusen nur so wimmelt. Ich hasse Mäuse - Mäuse sind das aller ekelhafteste überhaupt! Warum ich dort gewohnt hab ist eine traurige Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie euch irgendwann mal.
Laura schaute jedenfalls in die Kiste und entdeckte mich dort. Das war ein Schreck für sie, kann ich euch sagen. Menschen sind ja immer so empfindlich, wenn sie uns unerwartet begegnen. Sie machte einen Satz zurück, doch dann überwand sie ihren Schock und schaute vorsichtig in die Kiste um herauszufinden, was sie dort genau entdeckt hatte.
„Hallo! Ich bin Jette.“, sagte ich. Ihr hättet ihr Gesicht sehen sollen. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen als würde sie ihnen nicht trauen. „Du bildest dir nicht ein, dass ich mit dir rede.“, erklärte ich ihr.
„Wie?“, stammelte sie.
„Na wie schon? Ich benutze meinen Mund.“ Besonders helle schien sie nicht zu sein. Doch langsam gewann sie ihre Fassung zurück.
„Ich heiße Laura. Ich arbeite hier. Seit einem Monat.“, erklärte sie.
„Ich wohne hier schon länger.“, entgegnete ich. „Was machst du denn hier?“
„Ich bin Physikerin.“, antwortete sie. Also der musste man ja wirklich jedes Wort aus der Nase ziehen!
„Und was macht man so als Physikerin?“, fragte ich.
„Ganz unterschiedlich. Gerade suche ich einen 13er Schlüssel.“
Das war jetzt nicht die Information, die mich interessierte, aber was soll's. „Da bist du hier an der völlig falschen Stelle.“, erklärte ich ihr, kletterte aus meiner Kiste und ging in den Nachbarraum. Zögerlich folgte sie mir. Ich öffnete die mittlere Schublade der Werkbank. „Schlüssel sind hier.“
„Danke!“, sagte sie und griff nach dem 12er.
„Das ist der falsche.“, meinte ich.
„Oh.“ Sie legte den Schlüssel zurück und nahm den richtigen. Dann sah sie sich suchend um. „Wo ist denn jetzt mein Instrument?“, fragte sie mich verwirrt.
„Im Nachbarraum.“, seufzte ich. „Mir scheint, du könntest ein wenig Unterstützung gebrauchen. Ich kenne mich hier gut aus.“
„Nein, nein. Ich komme schon klar.“, erklärte Laura. Und stolperte über die Türschwelle. So begann also unsere Zusammenarbeit.
Kurze Zeit später bin ich bei ihr zuhause eingezogen. Ich hab gar nicht groß gefragt, sondern bin ihr einfach nach Hause gefolgt. Manchmal muss man Menschen vor vollendete Tatsachen stellen. Jetzt lebe ich in ihrem Wohnzimmer und schlafe auf dem Sofa. Das ist viel gemütlicher als in einer Alubox zu wohnen. Das Essen ist auch viel besser. Außerdem hat das den Vorteil, dass ich mitbekomme, wenn Laura auf Reisen geht und da will ich natürlich mit! Eines Tages werde ich irgendwo, an einem sehr kalten Ort, diese andere Wetterratte finden!